Lesepredigt in der Passionszeit

Predigt für die Passionszeit (Leidenszeit Christi)
über Lukas 18,31-34

Predigttext:

Er nahm aber zu sich die Zwölfe und sprach zu ihnen: Sehet, wir gehen hinauf gen Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden; und er wird verspottet und geschmähet und verspeiet werden; und sie werden ihn geißeln und töten. Und am dritten Tage wird er wieder auferstehen. Sie aber vernahmen der keines, und die Rede war ihnen verborgen, und wußten nicht, was das gesagt war.

Es geschah aber, da er nahe zu Jericho kam, saß ein Blinder am Wege und bettelte. Da er aber hörete das Volk, das hindurchging, forschete er, was das wäre. Da verkündigten sie ihm, Jesus von Nazareth ginge vorüber. Und er rief und sprach: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich mein! Die aber vorne an gingen, bedräueten ihn, er sollte schweigen. Er aber schrie viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich mein! Jesus aber stund stille und hieß ihn zu sich führen. Da sie ihn aber nahe zu ihm brachten, fragte er ihn und sprach: Was willst du, daß ich dir tun soll? Er sprach: HERR, daß ich sehen möge. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und alsbald ward er sehend und folgete ihm nach und preisete Gott. Und alles Volk, das solches sah, lobete Gott.

Im Namen unseres HErrn Jesu Christi, liebe Gemeinde!

Das Evangelium, das wir gerade eben gehört haben, besteht aus zwei Teilen: der erste, wo Christus von den Weissagungen der Propheten spricht und dann selbst von seinem Leiden, Sterben und Auferstehen weissagt – und der andere Teil von der Heilung des Blinden vor der Stadt Jericho. (Lukas 18,35-46)

Wir sprechen heute über den ersten Teil.

Der Evangelist berichtet, wie Christus seinen Tod und seine Auferstehung dreimal angekündigt hat, und die Jünger es auch hier beim dritten Mal nicht verstehen konnten: „Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.“

Der Grund war: Sie hörten Jesu Worte, aber beurteilten sie nach gewöhnlich menschlichem Denken.

Sie hatten die Wunder Jesu gesehen, wie er Kranke heilte, Tote auferweckte… Da musste doch Gott mit ihm sein!

Wie sollte ihm jemand etwas antun können? ihm Schaden tun? ihn gar töten? Und nun redet er von Folter und Tod? Das muss wohl etwas anderes bedeuten! – Vielleicht ein Bild, vielleicht eine unnötige Befürchtung?

Hier wird uns gelehrt, wie Gottes Werke und Taten eine ganz besondere Art haben: Bevor sie geschehen, kann man sie nicht begreifen. Wenn sie dann geschehen sind, erst dann verstehen wir sie – oder fangen an, sie zu verstehen.

So berichtet Johannes mehrmals, dass die Jünger den HErrn erst viel später verstanden, z.B. hier, wo es heißt: „Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.“ (Joh. 12,16)… oder am Ostertag am leeren Grab, als die Engel zu ihnen sprachen: „Gedenket daran, wie er euch sagte, da er noch in Galiläa war, und sprach: Des Menschen Sohn muß überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuziget werden und am dritten Tage auferstehen. Und sie gedachten an seine Worte.“

Gottes Worte und der Glaube gehören zusammen.

Wenn Gott redet, so spricht er von Sachen, die weit über unsere Vernunft gehen, die wir darum nicht verstehen noch fassen können, wie er spricht: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HErr, sondern soviel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken.“ (Jes. 55,8f.).

Darum sollen wir sie einfach glauben.

Wenn wir sie glauben, so werden wir auch erfahren, dass alles wahr ist, was Gott sagt und werden es später recht verstehen.

Könntest du Gott und sein Handeln begreifen, so wäre er nicht Gott!

So lehrt Gottes Wort von der Auferstehung der Toten. Das versteht die Vernunft nicht.

Darum spotten die Weisen und Klugen dieser Welt und halten uns für ungebildete, leichtgläubige Leute, dass wir uns überreden lassen, es gäbe ein Leben nach diesem Leben hier.

Dass Gott Mensch geworden ist, geboren von einer Jungfrau, das versteht die Vernunft auch nicht.

Auch das will geglaubt sein – bis wir dahin kommen, dass wir sagen: Jetzt kann ich es fassen, denn „bei Gott ist kein Ding unmöglich“.

Auch dass schon ein kleines Kind durch die Wassertaufe Gottes Gnade ohne auch nur ein einziges gutes Werk erlangt, oder dass man durch die Absolution, die Lossprechung von Sünden, Vergebung empfängt – das ist der Vernunft wie lauter Märchen oder gar Lüge.

Sie hält die Christen für toll und töricht, dass sie so etwas glauben.

Sie denkt: Versöhnung mit Gott, da muss schon mehr sein als nur das! Da müssen gute Werke sein, harte Opfer, Büßen und Seufzen, dass es einem bitter wird und weh tut!

Es will der Vernunft nicht eingehen, dass sie glauben soll, dass allein durch die Taufe und den Glauben an Christus geschieht, was den Menschen mit Gott zum Frieden bringt und ihn vor dem ewigen Verderben rettet.

Sie schaut auf das Wort Gottes, sie hört es auch, aber sie hält es für gering und schwach.

Dass nun ein Mensch all seine Zuversicht auf dieses Wort setzt für Zeit und Ewigkeit, darauf hofft und baut, das ist ihr lächerlich!

So ist das trostreiche Evangelium von der Gnade Gottes in Christus ihr wie die Lehre eines Verführers, der die Leute an der Nase herumführt, dass sie nichts Gutes tun sollen, sondern fleißig weiter sündigen – anders kann die Vernunft nicht urteilen.

„Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft…

Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, die daran glauben.“ (1.Kor. 1,18.21).

Darum, liebe Christen, lernt dem Wort Gottes glauben gegen alle Vernunft, und sprecht in euren Herzen: Ich sehe, begreife und fühle es nicht, aber ich höre, dass Gott es mir sagt. Er ist so mächtig und nichts ist bei ihm unmöglich. Er kann es wahr machen, dass ich es irgendwann oder in jener Welt fasse und verstehe.

Du siehst es z.B. daran, wie David den Goliath angreift und im Glauben weiß, dass er ihn überwinden wird. Er spricht zum König Saul: „Der HERR, der mich von dem Löwen und Bären errettet hat, der wird mich auch erretten von diesem Philister… So hat dein Knecht den Löwen und den Bären erschlagen, und diesem unbeschnittenen Philister soll es ergehen wie einem von ihnen; denn er hat das Heer des lebendigen Gottes verhöhnt.“ (1.Sam. 17,36f.).

Und zu Goliath spricht er: „Heute wird dich der HERR in meine Hand geben, dass ich dich erschlage und dir den Kopf abhaue…“ (V. 46).

Diese Worte hörten alle auf dem Schlachtfeld und hielten sie doch für die Worte eines naiven Knaben.

Das wären sie auch gewesen, wenn es nicht Worte Gottes aus Davids Mund gewesen wären!

Aber es sind Gottes Worte, und David selbst hat ihnen geglaubt, bevor es alles geschehen ist.

Darum gelingt es auch – und es ist völlig gleich, ob es den anderen lächerlich war, ob sie es für möglich hielten oder nicht, dass ein Hirtenknabe den Helden der Philister schlagen könnte.

Die Vernunft rechnet hier wie der König Saul: David ist ein Junge, war in keinem Krieg, hat weder Kraft noch Erfahrung, kommt mit einer Steinschleuder, als wollte er einen Hund vertreiben.

So sprach Goliath auch: „Bin ich denn ein Hund, dass du mit Stecken zu mir kommst? Und der Philister fluchte dem David bei seinem Gott…“ (V. 43).

Goliath kommt mit perfekter Waffenrüstung, der Knabe gegen den riesigen Mann mit einer Steinschleuder, wie Hirten sie haben.

So aber sah David es nicht! Er sprach: „Du kommst zu mir mit Schwert, Lanze und Spieß, ich aber komme zu dir im Namen des HERRN Zebaoth, des Gottes des Heeres Israels, den du verhöhnt hast.“ (V. 45).

So geht es fort und fort: Gottes Werk und Tat hält man für unmöglich, bevor es geschieht.

Dennoch geschieht es und ist dann anzusehen, als ob es ein leichtes Kinderspiel wäre!

Für Gott ist es das auch! Es geschieht, was Gott will – ungeachtet dessen, ob die Vernunft es fasst oder nicht, ob man es für möglich hält oder nicht.

Darum sollen wir Gottes Wort nicht verstehen, sondern einfältig glauben.

Denn wie durch die Taufe die Sünde abgewaschen und ein Sünder Gottes Kind wird und glaubt, und wir am Jüngsten Tag von den Toten auferstehen werden – das wird die Vernunft nie und nimmer verstehen.

Wo sie doch sieht, wie so mancher zu Asche verbrannt ist, wie die Leichname von Würmern zerfressen werden und verwesen oder andere von wilden Tieren zerfetzt worden sind – da sagt sie: Wie soll das am Jüngsten Tag zugehen?

Doch Gott spricht: Es ist mein Wort. Es soll alles so werden, wie ich es sage! Ich bin allmächtig und kann aus nichts alle Dinge machen!

Gott sprach zu dem 99jährigen Abraham und zu seiner gleichaltrigen Frau, sie würden noch miteinander einen Sohn haben.

Das war der Vernunft Sarahs ganz entgegen! „Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, die ich doch alt bin? Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben.“ (1.Mose 18,13f.).

Von diesen beiden hochbetagten Leuten ist ein großes Volk gekommen so viele wie „die Sterne am Himmel“ (1.Mose 22,17) – wie Gott verheißen hatte.

Darum sollen man nicht darauf achten, ob etwas möglich ist oder nicht, sondern darauf, ob Gott es verheißen hat, dass wir sagen: Gott hat es gesprochen, darum wird es geschehen, selbst wenn es mir unmöglich erscheint. Denn auch wenn ich es nicht für möglich halte, so hat es doch derjenige gesagt, der aus Unmöglichem Mögliches und aus dem Nichts etwas machen kann.

Darum ist derjenige ein Narr, der unseren Gott, seine Werke und sein Wort nach seiner menschlichen Vernunft beurteilt und bemisst.

Denn weil ich keine Toten lebendig machen kann, darum sollte Gott es auch nicht können?

Darum soll sich ein jeder davor hüten, dass er den allmächtigen Gott, dessen Wort und Vermögen nach dem eigenen Können berechnet.

Sonst hätte Gott auch schweigen können. Aber nun ist gewiss: Unsere Vernunft kann ihn nicht fassen, nicht verstehen. Gottes Wort geht über alle Vernunft, ja gegen alle Vernunft!

Du kannst Gott nur im Glauben durch den Heiligen Geist fassen, denn „der Geist erforschet alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit“ (1.Kor. 2,10).

Er lässt uns Christus erkennen als den, der gekommen ist „um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“ (Luk. 19,10).

Er bewirkt, dass wir Christus durch den Glauben als unseren Erlöser und HErrn erkennen.

Und er gibt dir Einsicht und Kraft, deine Vernunft gefangen zu nehmen unter Gottes Wort.

Ich verkündige dir Vergebung der Sünden aus lauter Gnade Gottes um Jesu Christi willen. Ich spreche dich in der Absolution von Sünden los auf Christi Befehl hin.

Das hörst du, aber du fühlst es nicht, dass Gott und alle heiligen Engel dich anlachen und dass Freude im Himmel ist über einen Sünder, der Buße tut (Luk. 15,10).

Auch wenn du getauft bist, bist du noch in deiner Haut, hast noch dein Fleisch und Blut wie du es vor der Taufe hattest.

Soll aber darum nicht geschehen sein, was Gott doch in seinem Wort verheißt?

Darum sollst du sagen: Gott hat mich getauft, Gott hat mich von meinen Sünden entbunden. Darum glaube ich es fest, weil es Gottes Wort ist, das nicht lügen kann. Auch wenn ich es nicht fühle, so weiß ich doch, dass Gott mich anlacht und mich sein Kind nennt, und dass Christus mein Bruder ist und die Engel im Himmel große Freude über mich haben.

Denn du wirst vor Gott gerecht ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben (Röm. 3,28).

Sagt Gottes Wort: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus“, dann ist es ganz gleich ob das auch der Papst glaubt mit all seinen Kardinälen und Werkheiligen.

Sagt Gottes Wort von der Taufe: „Lass dich taufen und deine Sünden abwaschen. (Apg. 22,16) oder „Gott macht uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes“ (Tit. 3,5), so ist es völlig egal, ob das die Baptisten glauben oder nicht.

Du sollst es glauben gegen alle Vernunft, weil es das Wort deines Gottes ist, das niemals lügt und dem nichts unmöglich ist.

Die Jünger waren noch nicht dahin gekommen, darum verstanden sie Jesu Worte nicht und begriffen nichts davon.

Sie hätten sagen sollen: Wie er sagt, so wird es geschehen, denn dieser Mann kann nicht lügen.

Ganz anders der Blinde: Seine Augen sind ganz und gar starrblind, dass er kein Stück sehen kann.

Aber als Christi Wort erklingt: „Sei sehend!“, da glaubt er es.

Er fragt nicht, wie es sein kann, ob es möglich ist oder nicht, er vertraut seinem HErrn.

Darum geschieht ihm auch wie er glaubt.

„Sei sehend!“ – ein Wort von einer Sache, die noch nicht da ist, denn seine Augen sind noch verschlossen.

Aber gleich darauf geschieht, was Christus gesagt und wie er geglaubt hat.

So hätten es die Jünger auch tun sollen: Christi Wort hören und einfältig glauben, was er spricht.

Denn zum Wort Gottes gehört nichts anderes als der Glaube.

Das ist es, was wir aus dem ersten Teil dieses Evangeliums lernen sollen, nämlich dem Wort Gottes mit einem ganz verwegenen kühnen Herzen glauben – ohne alles Wanken und Zweifeln.

Wenn du zweifelst und wankst, dann misst du das Wort Gottes an deinem Können und deiner Vernunft.

Lass diese falsche Art fallen, wirf sie aus deinem Herzen. Sprich vielmehr: Hat mein Gott, der allmächtige HErr, es gesagt, so wird es auch sein, wie seine Worte lauten. Ich will nicht darüber grübeln, ob es möglich ist, sondern darauf achten, dass Gott es gesagt hat.

Denn wer es nicht glaubt, der lästert Gott auf das höchste.

Vor solcher Sünde sollen wir uns sehr hüten, dass wir ja nicht an Gottes Wort zweifeln.

Denn was ER redet, ist gewiss wahr!

So haben wir Gottes festes Wort in der Taufe, in der Absolution, im Hl. Abendmahl, in der Predigt.

Wir haben sein Wort von der Auferstehung der Toten und vom ewigen Leben.

Da redet Gott selbst mit uns. Uns gebührt nur zu sagen: Hat Gott es geredet, so ist er so wahrhaftig und mächtig, dass er es auch ausführt.

Von einem solchen Glauben wissen weder die vernunftgläubigen Kirchenoberen, der Papst noch die Baptisten noch andere Schwärmer und Sekten, noch lehren sie davon.

Ihr aber sollt wissen, dass das ein christliches Herz ist, das nicht allein Gottes Wort von der Vergebung der Sünden hört, sondern auch fest glaubt und daran nicht zweifelt – auch wenn es nichts davon fühlt und sieht.

Denn des HERRN Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiß. (Ps. 33,4). Amen.