Predigt am Karfreitag

Predigt am Karfreitag
über Matthäus 27,45-47

Das vierte Wort Christi am Kreuz

Predigttext:

Und von der sechsten Stunde an ward eine Finsternis über das ganze Land bis zu der neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: Eli, Eli, lama asabthani? das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Etliche aber, die da stunden, da sie das hörten, sprachen sie: Der ruft den Elia.

Liebe Gemeinde!

Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben ist im Gesetz Mose’s, in den Propheten und in Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.” (Luk. 24,44f.).

Im Alten Testament finden wir unzählige Verheißungen auf Christus: Mose, die Propheten, die Psalmensänger – sie alle weissagten vom kommenden Messias, dem Heiland der Welt, und auch von seinem stellvertretenden Leiden.

Daraus sollten nicht nur seine Jünger, sondern auch alle Menschen, ihn als den verheißenen Heiland erkennen, denn das Neue Testament berichtet die Erfüllung.

Z.B. hatte der Prophet Jesaja geweissagt: „Er hat die Sünden der Vielen getragen und für die Übeltäter gebetet” (Jes. 53,12).

Die Passionsgeschichte berichtet die Erfüllung: Als Jesus am Kreuz hing, war sein erstes Wort: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun” (Luk. 23,34).

Sein zweites zu Maria: „Frau, siehe, das ist dein Sohn” Und zu Johannes: „Siehe, das ist deine Mutter” (Joh. 19,26.27).

Sein Wort zu dem einen Verbrecher: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein” (Luk 23,43).

Heute hören wir vom vierten Wort, das Jesus sterbend am Kreuz sprach: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?”

Dies ist das Wort unseres Hohenpriesters, der schützend an unserer Statt vor Gott steht, der sich selbst hingibt als unser Erlöser und Bürge.

Sein Leiden ist unsere Versöhnung, sein Kampf ist unser Sieg, sein Tod ist unser Leben, seine Ketten sind unsere Freiheit, seine Wunden unsere Genesung, sein Blut ist das Lösegeld, das uns reinigt und befreit von der Schuld unserer Sünde.

Hören wir, 1. wie Jesus von Gott verlassen war 2. als unser Hoherpriester an unserer Statt

1. Christus war von Gott verlassen

Es war um die neunte Stunde (nach jüdischer Zählung; nach unserer mittags 3.00 Uhr), da schrie Jesus laut: „Eli, Eli, lama asabthanie? Das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?”

Hier erfüllt sich die 1000 Jahre alte Weissagung: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich heule, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht… Alle, die mich sehen, spotten mein, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf Er klage es dem HERRN, der helfe ihm aus und errette ihn, hat er Lust zu ihm!“ (Ps. 22,23a).

Was hat es für eine Bewandtnis damit, dass Jesus (der wahre Mensch und Gott) dies ruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?”?

Hören wir zunächst diesen Vers, wo Christus spricht: „Gott, du kennst meine Torheit, und meine Schuld ist dir nicht verborgen“ (Ps. 69,6).

Wenn Christus Sünde und Schuld bekennt und sie auch im Gewissen fühlt, so ist es nicht seine eigene, von ihm begangene, denn er ist ohne Sünde (Hebr. 4,15). Er ist Gott, heilig und rein.

Es ist vielmehr unsere Sündenschuld, die ihm als unserem Stellvertreter und Erlöser aufgebürdet ist, die er an unserer Statt trägt und sühnt, wie die Bibel lehrt: „Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn“ (Jes. 53,6).

Gott hat unsere Sündenschuld seinem Sohn zugerechnet.

Beladen mit unserer Schuld, mitten im Leiden, mitten darin, dass er jetzt für die Sünde der ganzen Welt Sühne leistet, ruft der Mensch gewordene Sohn Gottes: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?”.

Dass Gott die Sünden der Welt auf seinen Sohn warf, war ein richterlicher Akt – der tief in Christi Herz und Gewissen reichte.

So empfand Christus die ihm auferlegte Schuld als seine eigene.

Und darum empfand Christus auch den Zorn Gottes, ja Gottes Verwerfungs- und Verdammungsurteil in seiner Seele, als ob er alle verdammungswürdigen Sünden selbst begangen hätte.

Der Sohn Gottes erlitt die Pein der Hölle, er empfand und erlitt Gottes Zorn und Strafe über die Sünde; er empfand, millionenfach das von Gott Verlassensein.

Dies ist ebenfalls 1000 Jahre vorher geweissagt: „Was ist der Mensch, dass du sein gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich sein annimmst? Du wirst ihn eine kleine Zeit lassen von Gott verlassen sein. Aber mit Ehren und Schmuck wirst du ihn krönen” (Ps. 8,5.6).

Christus war nicht auf ewig verlassen, erlitt nicht ewig die Pein der Hölle, denn er ist der wahre Gott.

Christi Höllenpein und von Gott Verlassensein „eine kurze Zeit“ hat den Wert des ewigen Verlassenseins aller Menschen.

Doch Christi Schrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” ist nicht Verzweiflung, denn Verzweiflung ist Sünde und entspringt der Gottlosigkeit – entspringt einem Denken, dass Gott nicht mehr helfen kann und nicht mehr helfen will.

Doch Christus hat keine eigene Sünde an sich, und mitten in allem Leiden (auch mitten im von Gott Verlassensein) hielt er das Vertrauen zu Gott fest.

Dies zeigt sein weissagendes Wort: „Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! …Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet… Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s“ (Ps. 22,20).

Gottes Wohlgefallen ruht in dem allen auf seinem Sohn: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Matth. 3,17) und Christus spricht: „Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, dass ich’s wiedernehme“ (Joh. 10,17).

So steht Christus als der Heiland schützend vor uns Sündern, „damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh. 3,16).

Christi viertes Wort am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” kann in seiner Tiefe kein Mensch genügend erklären.

Denn hier geht es nicht um das körperliche Leiden Christi, sondern um sein geistliches Leiden, das er an seiner Seele gefühlt hat.

Von Gott verlassen sein ist weit schrecklicher als der Tod.

Hier am Kreuz hat Christus als wahrer Gott und Mensch an seiner Seele erlitten, was wir verdammungswürdigen Sünder ewig verdient haben.

Nun verstehen wir auch den Vers aus dem Propheten Jesaja (53,11): „Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden“.

Ja, durch Christi Leiden, von Gott Verlassensein und Sterben ist uns der Zugang zum Himmel, ewigem Leben und Seligkeit erworben.

Wer kann ermessen, in welche Tiefen des Leidens der Sohn Gottes zum Heil der Welt hinabstieg?

Wir kennen Leiden und Schmerz, wir kennen Grauen und Zagen vor dem Tod.

Wir kennen auch Anfechtungen, in denen wir meinen, Gott habe uns vergessen, verlassen und denke nicht an uns.

Aber das ist nicht wahr, wie Gottes Wort lehrt.

Denn wenn ein Christ seufzt: „Der HERR hat mich verlassen, der HERR hat mein vergessen“, so spricht Gott: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselbigen vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen; siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet” (Jes. 49,14-16).

Wenn also Gottes Kinder Anfechtungen durchleben müssen und meinen, sie wären von Gott verlassen, dann erleiden sie noch lange nicht das, was Jesus für uns am Kreuz erlitten hat, als er schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?”

Christus spricht weissagend im Psalm: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk. Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm!” (Ps. 22,6-8).

Er war hingegeben in den Fluch der Sünder und wurde zum Fluch: „Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns (denn es steht geschrieben: Verflucht sei jedermann, der am Holz hängt!). (Gal. 3,13).

Christus war um unserer Sünde willen dahingegeben (Röm. 4,25) in die trostlose Finsternis des Satans und seines Reiches, in Hölle, ja in die Schrecken des ewigen Todes.

Darin liegt unser Trost!

Wenn wir meinen, Gott habe uns um unserer großen Sünde willen verlassen, vergessen oder aufgegeben, dann sollen wir daran denken, dass dem nicht so ist, weil ein anderer an unserer Statt geschrieen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?”.

Wer durch den selig machenden Glauben an Christus hängt, der kann von Gott nicht verlassen sein – selbst wenn er es so empfindet!

Christus hat alles schon gebüßt und bezahlt!

Das ist das Geheimnis: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.” (2.Kor. 5,21).

2. Christus war von Gott verlassen als unser Hoherpriester – an unserer Statt

Im Psalm weissagt er: „Ich muss bezahlen, was ich nicht geraubt habe” (Ps. 69,5).

Er fragte selbst seine Feinde: „Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen?” (Joh. 8,46).

Sogar am Kreuz sprach der eine Verbrecher: „Dieser hat nichts Unrechtes getan” (Luk. 23,41).

So duldete unser Heiland die Gottverlassenheit nicht darum, weil er gegen Gottes Willen gesündigt hatte, sondern an unserer Statt.

Aber mitten im tiefsten Grauen des Todes wirft er den Anker seiner Zuversicht in Gottes Vaterherz und schreit: Mein Gott, mein Gott!”

Und er hat in den Tagen seines Fleisches Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen geopfert zu dem, der ihm von dem Tode konnte aushelfen; und ist auch erhört, darum dass er Gott in Ehren hatte” (Hebr. 5,7).

So hat Christus an deiner und meiner Statt alle Gerechtigkeit erfüllt, auch die tiefe Gottverlassenheit auf sich genommen und durchlitten.

Aber er hat auch für uns in all dem Leiden seine ganze Hoffnung auf Gott den Vater gesetzt.

All das rechnet Gott der verlorenen Sünderwelt zu, denn „Christus hat die Feindschaft [zwischen Mensch und Gott] getötet durch sich selbst” (Eph. 2,16).

Das vollkommene Opfer ist für alle gebracht, denn: „Derselbige ist die Versöhnung für unsere Sünde, nicht allein aber für die unsere, sondern auch für die der ganzen Welt” (1.Joh. 2,2).

Der Glaube ist die „Nehmehand”, mit der jeder sündige verlorene Mensch in den Genuss der Versöhnung Christi, zur Kindschaft bei Gott gelangt, wie geschrieben steht: Denn ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christum” (Gal. 3,26).

So können wir selbst in schweren Zeiten mit Paulus bekennen: „Gelobt sei Gott und der Vater unseres HERRn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal…” (2.Kor. 1,3.4).

Im Kampf der Heiligung soll uns Jesu Passion ermuntern und stärken, dass wir dem Teufel absagen und allem seinem Werk und allem seinem Wesen und sprechen: HERR, lass dein heilig Leiden mich reizen für und für, mit allem Ernst zu meiden die sündliche Begier, dass mir nie komme aus dem Sinn, wie viel es dich gekostet, dass ich erlöset bin.

Ich will mich mit dir schlagen ans Kreuz und dem absagen, was meinem Fleisch gelüst; was deine Augen hassen, das will ich fliehn und lassen, so viel mir immer möglich ist.

Dazu helfe uns der gnädige barmherzige HERR! Amen.

Pfarrer Martin Blechschmidt, Runkel-Steeden