Lesepredigt am 13. Sonntag nach Trinitatis

13. Sonntag nach Trinitatis
Predigt über Lukas 10,23-29

Predigttext:

Und er wandte sich zu seinen Jüngern und sprach insonderheit: Selig sind die Augen, die da sehen, was ihr sehet. Denn ich sage euch: Viel Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und haben’s nicht gesehen; und hören, was ihr höret, und haben’s nicht gehöret. 

Und siehe, da stund ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Wie stehet im Gesetz geschrieben? Wie liesest du? Er antwortete und sprach: Du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten als dich selbst. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tue das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesu: Wer ist denn mein Nächster?

Liebe Gemeinde, im Namen Jesu!

Dieses Evangelium enthält drei Teile: Der HERR Christus preist und rühmt die Zeit des offenbarten Evangeliums, die Zeit der durch das Kommen Christi handgreiflich erschienenen Gnade Gottes.

Danach lehrt er, was nach Gottes Willen rechte gute Werke sind und zeigt dies an einem Beispiel, dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Als der HErr Christus nach Jerusalem aufbrach, wählte er 70 aus unter denen, die ihm nachfolgten und sandte sie immer zu zweit in die Städte und Dörfer, wohin er gehen wollte (Luk. 10,1).

Die Siebzig aber kamen wieder mit Freuden und sprachen: HERR, es sind uns auch die Teufel untertan in deinem Namen. (Luk. 10,17).

Er sprach zu ihnen:Doch darin freuet euch nicht, daß euch die Geister untertan sind, freuet euch aber, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind.(Luk. 10,20).

Im Reich Gottes geht es nicht um großes Aufsehen, um Sensationen.

Sein Reich ist ein Reich der Vergebung der Sünden.

Er, der Erlöser und Heiland der Sünder ruft durch sein Gnadenwort und sammelt Menschen in sein Reich, die ihre Sünden gerne lossein und selig werden wollen.

Und er wandte sich zu seinen Jüngern und sprach insonderheit: Selig sind die Augen, die da sehen, was ihr sehet. Denn ich sage euch: Viel Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und haben’s nicht gesehen; und hören, was ihr höret, und haben’s nicht gehöret.(V. 23.24) – d.h. die Propheten weissagten vom Kommen Christi, erlebten es selbst aber nicht.

Ihr seht mit euren Augen und hört mit euren Ohren, was fromme Könige (wie David) voller Sehnsucht besangen und wovon die Propheten predigten: Ihr seht und hört mich, den geweissagten Messias.

Worauf die Gläubigen in alter Zeit all ihre Hoffnung setzten, wovon die Propheten weissagen durften – das ist nun erfüllt!

Sie sehen den Heiland der Welt, sehen auch seine Wunder, hören aus seinem Mund das Evangelium, wie ein Mensch zum Frieden mit Gott kommt, und er spricht: „ Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh. 14,6).

Darüber sollen sie sich freuen, das soll der Mensch bei Jesus suchen!

Auch du, lieber Christ, sollst dich darüber freuen, dass du im Reich Christi Vergebung aller deiner Schuld genießt.

Das ist der Schatz. Den sollst du allezeit suchen und im Glauben bewahren.

Der Evangelist berichtet weiter: „Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?”

Er versuchte ihn…” er fragte Jesus in böser Absicht, wollte ihm eine Falle stellen, um einen Grund zur Anklage zu finden.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten, führten nichts Gutes im Sinn, wollten Jesus aus Hass hinter Gitter und schließlich zur Todesstrafe bringen.

Aber Gnade ist ihm zu billig, er will etwas tun: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“

Die Vernunft lehrt den Menschen denken, wie die Pharisäer dachten.

Würde man einer Menge Leute die Frage stellen: Wie kriegt man einen gnädigen Gott? Wie kommt man in den Himmel?so würden auch heute die meisten antworten: Ich muss etwas tun.

So fragt der Schriftgelehrte: Was muss ich tun…?“

Jesus erklärt im Gleichnis: Ohne Liebe zu Gott helfen die größten Opfer nichts.

Zuerst muss die Feindschaft, der Unglaube, der Widerwille im Menschenherzen besiegt werden.

Das geschieht durch Gottes Gnade, durch Vergebung und das belebende Wirken des Heiligen Geistes.

„Der Geist ist’s, der da lebendig macht; das Fleisch (und alle guten Taten, die Fleisch und Blut, d.i. die der Mensch tun kann) ist kein nütze“ (Joh. 6,63).

Alles, was der Mensch ohne Glaube an Christus und ohne Liebe zu Gott tut (und würde er alles geben), kann ihm nichts helfen.

Gute Werke und Opfer – das ist wie viele Kilogramm Kohle, die einer aufhäuft und auf Wärme wartet. Ohne das Feuer geschieht nichts!

So muss zuerst der Heilige Geist Gottes die wärmende Glut in ein Menschenherz bringen.

Glaube und Liebe zu Gott keimen und wachsen im Menschenherzen, wenn der Heilige Geist durch Gottes Wort an ihm wirkt.

Die Gnade Gottes im lebendigen Glauben an Christus – ohne diese Früchte des Geistes Gottes wird zwar vieles getan, bleibt aber kalt.

Darum spricht Gottes Wort: „Was nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde“ (Röm. 14,23).

Darum steht auch geschrieben: „Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze“ (1.Kor. 13,3).

Er aber sprach zu ihm: Wie steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: „Du sollst den HERRN, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben” (V. 26.27).

Aber Jesus spricht ja hier gar nicht vom Glauben!

Das ist wahr. Er sagt ihm, er solle die Gebote halten.

Warum sagt Jesus das, obwohl doch Gottes Wort spricht: „HERR, deine Augen sehen nach dem Glauben(Jer. 5,3) und

Aus welchem Grund redet er hier so, als o„Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.” (Hab 2,4).b ein Mensch zum ewigen Leben kommen könnte, wenn er nur das Gesetz Gottes erfüllt?

Heißt es nicht: „Denn die mit des Gesetzes, Werken umgehen, die sind unter dem Fluch” (Gal. 3,10)?

Wie sollte ein durch und durch sündiger Mensch auch nur einen Teil der hohen Forderungen Gottes erfüllen können, wo Gott doch sagt: „Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer” (Röm. 3,12)?

Wie sollte einer, der doch als Feind Gottes geboren wird, „Gott lieben von ganzem Herzen und mit allen seinen Kräften?“

Wie sollte er seinen Nächsten lieben wie sich selbst, wo doch in seinem Sehnen und Denke die Selbstsucht herrscht?

Warum antwortet Jesus: „Tue das (Gesetz, halte die Gebote), so wirst du leben”? –das kann doch der Mensch gar nicht!

Der Mensch gleicht einem Hochstapler, das ist z.B. einer, der prahlt und vorgibt er sei reich oder wisse alles…

Einem solchen kannst du nicht helfen. Der hat nur ein großes Maul, dahinter aber steckt nicht viel.

Dem kannst du auch nicht viel beibringen. Er weiß ja schon alles.

Er müsste erst einmal sich selbst erkennen und von seinem hohen Ross herunterkommen.

Jesus weiß auch, dass es dem Schriftgelehrten unmöglich ist, Gottes Gesetz zu erfüllen!

Ja, wenn ein Mensch, Gottes Gebote wirklich vollkommen erfüllen könnte, dann wäre er im Frieden und Einklang mit Gott.

Aber das kann keiner, weil er mit Erbsünde geboren, weil er das Kind sündiger Eltern ist und ein Herz hat, das sich gegen Gott sträubt!

Darum lesen wir in der Bibel: „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen” (Röm. 9,16), d.h. ein Mensch kann nicht durch sein Wollen und Laufen, nicht durch seine Mühe selig werden, sondern nur, wenn Gott ihm Gnade schenkt und sich über ihn erbarmt.

Genau das will Gott, denn er will nicht, dass jemand verloren geht.

Darum forderte Jesus diesen Mann zu dem Unmöglichen auf.

Er führt ihn dahin, dass er sich erkennt, wie verloren er vor Gott steht, damit er Gottes Gnade nicht mehr verachtet.

Solange der Mensch nicht erkennt, dass Gott ihn verdammen wird, ist er zu stolz, Gottes Gnade anzunehmen und will sich durch gute Werke den Frieden mit Gott und den Himmel verdienen.

Das trifft den Schriftgelehrten mitten ins Herz und er beginnt, sich zu entschuldigen: „Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?”

Überdenken wir das alles noch einmal bis hierher: Der Schriftgelehrte hatte eine hinterhältige Frage gestellt: wie er denn selig werden könne.

Jesus fragt ihn, was in den Geboten steht – nämlich Gott über alle Dinge lieben und den Mitmenschen wie sich selbst.

Der Schriftgelehrte antwortet, er könne seinen Nächsten gar nicht lieben, weil er nicht wisse, wer sein Nächster sei!

Darum erzählt Jesus ihm das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Damit trifft er den wunden Punkt des Schriftgelehrten, denn Juden und Samariter waren verfeindet.

Und Jesus stellt ihm einen solchen Samariter als Vorbild hin!

Da musste der Schriftgelehrte schweigen.

Aus lauter Heilandsliebe hatte Jesus diesen Mann an den Abgrund geführt, nämlich an den Abgrund des menschlichen Verderbens.

Gottes Wort sagt, dass wir Menschen von Natur aus Gott nicht lieben, dass unsere Natur von Sünde und Verderben durchzogen ist wie von tödlichem Gift.

Das nennt die Bibel „fleischlich gesinnt sein“ und spricht: „Fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag’s auch nicht(Röm. 8,7).

Und der Apostel lehrt: „Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft” (Röm. 7,14).

Wenn Gott uns nicht hilft, sind wir verloren.

Darum ließ Jesus den Schriftgelehrten in diesen Abgrund blicken, damit der Mann die Gnadensonne in Jesus erkennt und lieben lernt.

Ihr, die ihr durch den Glauben an Jesus Christus Gottes Kinder seid, steht nicht mehr vor dem Abgrund, ihr steht im Frieden mit Gott und seid geborgen in seiner Gnade.

Ihr werdet nicht mehr von der Feindschaft zu Gott beherrscht, sondern euch regiert der Heilige Geist Gottes und stärkt euch täglich, im neuen Leben bei Christus zu bleiben.

Und doch macht uns das alte Leben noch sehr zu schaffen und uns hängt noch so viel Sünde an!

Darum lässt Gott uns in seinem Wort täglich die Sonne seiner Gnade und Liebe aufgehen und erinnert uns: Christus „ist die Versöhnung für unsre Sünden (1.Joh 2,2).

Steht der Abgrund unserer Schuld und Untreue drohend vor uns, so lässt Gott das Licht seiner Güte scheinen und ruft uns zu: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade” (Eph. 1,7).

Darum bekennen wir: „Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß” (Klgl. 3,22-23).

So werden unsere Herzen durch die Vergebung der Sünden zur Liebe gegenüber Gott erwärmt und Gott fordert uns auf: „Legt von euch ab den alten Menschen… und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit” (Eph. 4,22.24).

Das macht Jesus dem Schriftgelehrten klar: Ohne die Gnade Gottes, ohne Vergebung kannst du Gott nicht lieb haben! Ohne dass du Gott zu deinem Vater hast, weil ich, sein Sohn, dein Erlöser bin, kannst du nicht recht an ihn glauben. Und ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen (Hebr. 11,6).

Zum Schluss. Wir hatten gehört: „Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.” (Hab 2,4).

Was ist der Glaube?

Er ist die Hand, die Gottes Gnade ergreift.

Er ist der Mund, den Gott mit seiner Barmherzigkeit füllt, wie Gott spricht: “Tu deinen Mund weit auf, lass mich ihn füllen!” (Ps. 81,11).

Es ist alles Gnade, nicht unser Werk, nicht unser Verdienst.

Mit dem Glauben, mit der Zuversicht auf den Heiland empfangen wir Vergebung der Sünden und Frieden mit Gott.

Wäre der Glaube lediglich ein bloßes Für-wahr-halten der biblischen Tatsachen, wäre er weiter nichts als die Überzeugung unseres Verstandes, so hätte er diese Kraft nicht.

Er ist Erkenntnis Christi, des Heilandes, so dass ein Mensch in der Kraft des Heiligen Geistes sein Vertrauen auf seinen Erlöser und Gott setzt.

Er hört Gottes Wort und lebt fortan in der Gewissheit der Vergebung aller Sünden und trägt in sich die Hoffnung des ewigen Lebens.

Der wahre Glaube ist eine lebendige und kühne Zuversicht, dass das, was Christus durch seinen Tod für alle getan und erworben hat, auch mir, mir zugute geschehen ist, dass ich in jedem Augenblick bereit bin, daraufhin zu sterben und vor dem ewigen Richter bestehe.

Der Glaube ist lebendig und wirkt gute Werke.

Das sehen wir an vielen Beispielen in der Heiligen Schrift.

Was Gläubige hatten, setzten sie ein zum Bau des Reiches Gottes: Geld, Ehre, Besitz, Freizeit und Gesundheit, ja sogar ihr Leben.

So sorgte sich die Gemeinde von Philippi auch um das irdische Wohl des Apostels Paulus und half, wo sie konnte

Frau Phöbe scheute keine Strapaze, den Römern von Korinth aus Gottes Wort zu überbringen.

Und eben auch der Samariter hilft in Barmherzigkeit, opfert seine Zeit, schenkt Kraft, opfert sein Geld, um dem Verletzten zu helfen.

Aber sie alle sind durch diese Werke nicht selig geworden, sondern allein durch Gottes Gnade in Christus.

Darum lehrt uns Gottes Wort: „Weil wir wissen, daß der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesum Christum, so glauben wir auch an Christum Jesum, auf daß wir gerecht werden durch den Glauben an Christum und nicht durch des Gesetzes Werke; denn durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch gerecht.“ (Gal. 2,16). Amen.

Pfarrer Martin Blechschmidt, Runkel-Steeden