Lesepredigt über Johannes 8,31 und 32

Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis
über Johannes 8,31f.

So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen; und die Wahrheit wird euch freimachen.

Herzlich geliebte Gemeinde in Jesu Christus!

Hier sagt Jesus: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger“, an anderer Stelle spricht er: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir (Joh. 10,27.28).

In beiden Jesusworten geht es darum, an seinem Wort zu bleiben, es zu hören, ihm zu folgen.

Denn allein sein Wort führt zur Erkenntnis der Wahrheit, verkündigt Vergebung der Sünden, den Frieden mit Gott durch den Glauben an Christus und führt damit zum ewigen Leben in Gottes Seligkeit.

Das eine Wort „Meine Schafe hören meine Stimme…“ sprach Jesus zu den Juden, die nicht an ihn glaubten und ihm darum auch nicht folgten.

Das andere „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort…“ sprach er im Tempel.

Dort lehrte er von sich selbst als dem Erlöser der Sünder: „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben… Wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin [nämlich der Messias und Erlöser], werdet ihr sterben in euren Sünden“ (Joh. 8,12.24).

Dann heißt es: „Als er das sagte, glaubten viele an ihn“ (Joh. 8,30).

Und zu diesen Menschen sprach er: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“.

Er sah ihren jungen Glauben und lehrte sie, um dieses zarte Pflänzchen in ihnen zu pflegen, zu schützen und wachsen zu lassen.

Daraus sollst du zuerst erkennen, wie Christus sich um die Seinen sorgt und wie er den seligmachenden Glauben auch in dir zu bewahren sucht, den er durch seinen Heiligen Geist in dir erweckt hat, dass er vor der zerstörerischen Macht des Satans bewahrt bleibe.

So sprach Christus auch zu Petrus: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre“ (Luk. 22,31.32).

Das Einzige, was uns in den Kämpfen der Anfechtung und des Kleinglaubens helfen kann ist, was unser HERR spricht: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“.

1. Daran erkennt man den, der Christus nachfolgt.
2. Das ist der einzige Weg, die Wahrheit zu erkennen
3. und das einzige Mittel, um zur rechten Freiheit zu gelangen.

 

1. Das unerschütterliche Bleiben an Christi Wort ist sicheres Kennzeichen eines Christen

Er hält daran fest, verlässt sich darauf, lässt sich auch vom Wort seines HErrn führen und leiten, ermahnen und trösten.

Er spricht Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir…“ oder im 23. Psalm: „Der HErr ist mein Hirte… Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele. Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen“.

Darum bekennt der Christusgläubige : „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege“ (Ps. 119,105).

Wir bleiben an Jesu Wort, durch das er unsere Herzen für sich gewonnen hat, wie der Apostel schreibt: „Ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt“ (1.Petr. 1,23).

Aber was ist „Christi Wort“?

Christi Wort – das ist nicht nur seine direkte Rede, das ist nicht nur das bloße Evangelium, die Botschaft, dass „alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh. 3,16).

Zu den Aposteln spricht er: „Wer euch hört, der hört mich!“ (Luk. 10,16) und weiter: Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe (Joh. 14,26).

Das Wort der Apostel und Evangelisten ist Christi eigenes Wort!

Aber auch das Alte Testament ist Christi Wort, wie der Apostel Petrus lehrt: „Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen“ (Apg. 10,43).

Und wenn uns die Bibel vom gesamten Alten Testament sagt, es sei „von Gott eingegeben“ (2.Tim. 3,16) und „getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet“ (2.Petr. 1,21), so ist die ganze Heilige Schrift, Alten und Neuen Testamentes Christi eigenes Wort – teils direkte Rede von ihm selbst, teils sein Wort, das er den Propheten, Evangelisten und Aposteln eingegeben hat.

Von Gott eingegeben“ heißt, es ist Christi Wort, denn Christus ist der wahrhaftige Gott (1.Joh. 5,20).

Darum bezeugen diese auch: „Davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Heilige Geist lehrt“ (1.Kor. 2,13).

Das ist die Art und das Wesen, ja das Kennzeichen eines rechten Jüngers Jesu, eines wahren Christen: Er bleibt an der Lehre seines HERRn; er hält fest an jedem einzelnen Wort der Propheten, Evangelisten und Apostel Gottes.

Er stellt nicht seine menschliche Vernunft, seine Einsicht, die Wissenschaft oder menschliche Weisheit über Jesu Wort.

Wenn er die Wahrheit des Wortes Jesu erkannt hat, so bleibt er dabei und lässt sich durch nichts und niemanden davon abbringen.

Er spricht mit David: „Ich habe Lust zu deinen Zeugnissen; die sind meine Ratsleute… Das Gesetz deines Mundes ist mir lieber, als viel tausend Stück Goldes und Silbers.“ (Ps. 119,24.72).

So ist das Bleiben an Jesu Rede nicht ein gefühlloses, formales und kaltes Festhalten am Wortlaut der Heiligen Schrift.

Nein, bleibt ein Christ am Wort seines HERRn, dann erfaßt er es im lebendigen Glauben und Vertrauen seines Herzens und setzt darauf all seine Hoffnung im Leben und im Sterben und spricht: „Die Rechte des HERRn sind köstlicher denn Gold und viel feines Gold; sie sind süßer als Honig und Honigseim“ (Ps. 19,11).

Vor Pilatus sprach Christus: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?“ (Joh. 18,37f.).

Das ist charakteristisch für ungläubige Menschen: Sie wissen nicht, was unter der großen Menge der Meinungen und Annahmen Wahrheit ist.

Der Christ kennt die Wahrheit und bekennt sich zu ihr. Er spricht: „Dein Wort ist nichts als Wahrheit“ (Ps. 119,160).

Ja, auch dort, wo die Heilige Schrift lehrt, wogegen die so genannte Wissenschaft auftritt, glaubt der Christ dem Wort Gottes.

Zwar ist die Bibel kein naturwissenschaftliches Lehrbuch, aber auch dort, wo sie über naturwissenschaftliche Dinge spricht, gilt unbedingt, Jesus Wort: „Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit.“ (Joh. 17,17).

Und weil Gottes Wort der Heiligen Schrift die Wahrheit ist, halten wir auch unerschütterlich daran fest.

2. Christi Wort ist auch der einzige Weg, die Wahrehit zu erkenen.

Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“.

Was meint Jesus mit dieser „Wahrheit“, die derjenige erkennt, der an seinem Wort bleibt?

Hat ein Mensch durch Gottes Gnade und das Wirken des Heiligen Geistes herzliches Vertrauen zu Jesus, dem Heiland der Sünder gefasst, dann öffnet sich seinem Blick ein weites Land.

Ihm werden Dinge klar, von denen er vorher nichts geahnt hat.

Ihm werden Fragen beantwortet, auf die er vorher keine Antwort fand.

Immer tiefer erkennt er die Wahrheit über seinen HErrn; und bis zu seinem zeitlichen Ende wird er damit nicht fertig werden – bis er ihn schaut von Angesicht zu Angesicht in der Seligkeit.

Ein Schriftwort nach dem anderen erschließt sich ihm.

Er versteht, wie er durch eigenes Kämpfen und Opfern nicht selig werden kann, dass vielmehr seine Seligkeit ein Gnadengeschenk Gottes durch Christus ist: „Christus ist des Gesetzes Wende, wer an den glaubt, der ist gerecht“ (Röm. 10,4) und er erfasst immer tiefer, dass „dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen“ (Apg. 10,43).

So ist Christus sein Trost, wenn ihm Schuld schwer auf dem Herzen lastet oder wenn er harte Zeiten durchleben muss.

Immer tiefer wurzelt die Gewissheit seines Heiles, der ewigen Seligkeit, in ihm, dass er, obwohl ein elender Sünder, bei Gott in Gnaden ist durch den Glauben an Jesus, der sich für ihn geopfert hat, für ihn auferstanden und gen Himmel gefahren ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt (Röm. 8,34).

Zwar hat er mit seiner Unvollkommenheit zu kämpfen und fällt auch wieder in Ungehorsam und Sünde, aber er hört mit großer Freude das Wort seines HERRn: „ wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“ (1.Joh. 2,1f.).

Wird er nicht nur von den Sündenkeimen in seinem eigenen Herzen angefochten, sondern auch von außen; muss er Vorwürfe und Spott um seines Glaubens willen ertragen, so hört er Jesus sprechen: „Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen…“ (Joh. 15,20).

Da tröstet er sich mit dem Wort Gottes: „Freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben möget“ (1.Petr. 4,13).

Weiß er nicht, wie ihm geschieht, weil plötzlich alte Freunde und liebe Menschen um seines Glaubens willen gegen ihn stehen, so hört er das Wort seines HERRn: „Des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein“ (Matth. 10,36).

Wer so bei Jesu Rede bleibt, dass er in Gottes Wort Antwort sucht auf seine Fragen, der ist in Wahrheit ein Jünger Jesu.

Ein solcher Jünger Jesu wird fort und fort eindringen in die Rede seines HERRn und die Wahrheit immer tiefer erkennen.

Er gründet die Zuversicht seines Herzens in guten und bösen Tagen auf dieses Wort, in Freude und Leid, im Leben und Sterben.

Er richtet sein Tun und Lassen, sein Denken und Urteilen, sein Fühlen und Empfinden nach Jesu Rede ein.

In verwirrenden Lebenslagen, im Wust menschlicher Meinungen und der daraus folgenden Orientierungslosigkeit schenkt Gottes Wort ihm einen klaren Blick.

Ein rechter Jünger Jesu wird also nicht allein an Gottes Wort festhalten, und wird nicht allein die Wahrheit immer tiefer erkennen, sondern die erkannte Wahrheit wird ihn auch freimachen.

3. Das Bleiben an Christi Wort ist das einzige Mittel, um zur rechten Freiheit zu gelangen.

Eigensinn und Hochmut legen sich auf den zarten Glauben wie der Frost im Frühling auf die jungen Triebe und Blüten!

So geschieht es auch hier: Der selbstgerechte Stolz der Juden bringt sie dazu, sich gegen Jesu Worte aufzulehnen.

Als er sprach „Und die Wahrheit wird euch freimachen“, antworteten sie: „Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?“

Auch heute ist es so mit dem Wort Gottes: Zuerst hören es manche gern und es ist ihnen kostbar.

Aber wenn es nicht so gehen will, wie sie meinen, und es nicht alles so gesagt wird, wie sie es gern hören wollen, dann ist große Not (vgl. Luther, Hom.Mag. 34,231)

Als Jesus sprach „Und die Wahrheit wird euch freimachen“, schieden sich plötzlich die Geister.

Die einen fielen ab und trachteten in ihrem neu aufkeimenden Zorn und Hass ihn zu töten (Joh. 8,40), die wahren Herzensgläubigen blieben.

Zuerst befreit Gottes Wort aus dem Reich des Teufels: Einer, der Christus folgt und an seinem Wort bleibt, ist frei von den angeerbten Ketten, die ihn im Dienst der Sünde gefesselt hatten.

Als ihr Knechte der Sünde wart, da wart ihr frei von der Gerechtigkeit. Was hattet ihr nun damals für Frucht? Solche, deren ihr euch jetzt schämt; denn das Ende derselben ist der Tod. Nun aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, dass ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben“ (Röm. 6,20-22).

Im weiteren Christenleben hilft Gottes Wort, in der geschenkten Freiheit zu bestehen.

Wer an Christi Worten bleibt, der wird auch frei von falschen Meinungen und Lehren, die ihm verwehren, zur Freude im Glauben und zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes zu kommen.

Denn Gottes Geist führt durch das Wort der Schrift Schritt für Schritt dahin, dass einer die rechte von der falschen Lehre unterscheiden kann, dass er dies alles für sich erkennt und dann auch in der Kraft seines HERRn den rechten Weg gehen kann.

Wer an Christi Wort bleibt, der wird durch Gottes Gnade auch das ewige Ziel erreichen und ganz frei werden von allen Folgen der Sünde, von Krankheit und Schmerzen, von Leiden und Trübsal, denn er wird zur ewigen Seligkeit kommen.

Christus spricht: „Denn das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage (Joh. 6,40). Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit“ (Joh. 8,51). Amen.

Pfarrer Martin Blechschmidt, Runkel-Steeden