Predigt am Silvestertag

Predigt am Silvestertag
über Psalm 39,5-8

Predigttext:

Aber, HERR, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss. Siehe, meine Tage sind einer Hand breit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Sela. Sie gehen daher wie ein Schatten und machen sich selbst viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird. Nun, HERR, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.

Im Namen Jesu Christi, liebe Gemeinde!

Wieder erleben wir den letzten Tag eines vergehenden Jahres.

Ob man will oder nicht: Es erinnert einen an das Dahinschwinden aller Dinge, die uns umgeben, um die wir uns sorgen, die uns erfreuen.

Aber nicht nur das, sondern auch die Endlichkeit des eigenen Lebens kommt einem in den Sinn – wo man doch Zeichen des Alterns an geliebten Menschen und auch an sich selbst wahrnimmt.

Wer hat diese Gedanken schon gern?

Gott der HErr hat den Menschen geschaffen und ihm den „Hauch des Lebens“ geschenkt, ihn zur lebendigen Seele gemacht.

Damit ist dem Menschen die Sehnsucht zu Beständigkeit, zu Ewigem, zu eben nicht vergehendem Glück eingehaucht.

Der Tod gehört zum Leben – das ist eine teuflische Lüge, durch die die von Gott geschenkte Sehnsucht der Seele verleugnet wird.

Der Tod ist durch die Sünde gekommen (Röm. 5,12) und herrscht in grausamer Weise über die Menschheit seit dem Sündenfall.

Die Schrift spricht: Der letzte Feind, der aufgehoben wird, ist der Tod. (1.Kor. 15,26)

Das zerbrochene Verhältnis zu Gott, die Sünde, das Aufbäumen gegen Gottes Willen, gehört ursprünglich nicht zum Menschen und nicht zum Leben, wie Gott es geordnet, und wie er den Menschen erschaffen hat.

Natürlich hat auch der gläubige Mensch Gefallen an Schönheit, an Leben, an Gesundheit und Glück. Hat doch der himmlische Vater alles sehr gut und schön geschaffen!

Er ist nicht von wehmütiger Todessehnsucht durchzogen.

Wir Christen stehen mit beiden Beinen im Leben und nehmen dankbar auch alles irdische Glück aus Gottes Vaterhand.

Da haben wir eben gehört, wie unser Gott uns im Psalm beten lehrt: HERR, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.

In einem anderen Psalm heißt es: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden“ (Ps. 90,12).

An beiden Stellen geht es darum, dass der Christ bittet, Gott selbst möge ihn lehren, ihn wissen lassen, ihn erinnern, dass das Leben hier ein Ende hat.

Dieses Erinnern hat einen bedeutenden Sinn: damit wir klug werden.

In unserem Text aus Psalm 39 ist diese Klugheit genau beschrieben.

Während die Leute gern jeden Gedanken an das eigene Ende vermeiden wollen, beleuchtet Gottes Wort diese Tatsache und lenkt uns zu der Frage: Nun, HErr, wessen soll ich mich trösten? und lehrt sofort die Antwort: Ich hoffe auf dich.

Denn wenn der Mensch keine unsterbliche Seele hätte, dann wäre mit seinem Tod jegliche Rechenschaft, die er Gott schuldig ist und auch jeder Gedanke an Gericht, Zorn und Verdammnis erledigt.

Nun aber hat der Mensch eine unsterbliche Seele und hat keine Chance, der Vergeltung Gottes für Missachtung seines Willens und aller Verweigerung IHN zu lieben, zu ehren, ihm zu gehorchen und zu vertrauen zu entrinnen.

Darum heißt es nicht nur: HErr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss sondern weiter: und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.

Es ist nicht Schluss (mit dem Tod ist alles aus), sondern ich muss davon, weg von hier, anderswo hin. Nach dem Tod meines Körpers existiere ich noch. Die Seele zieht wieter in die Ewigkeit!

Warum sollen wir uns an diese Tatsachen erinnern? Damit wir klug werden.

Im gewöhnlichen Leben ist jeder bestrebt, klug zu handeln – nur wenn es um die eigene Seele geht, um die eigene Ewigkeit, dann handelt der Mensch töricht, ja betrügt sich selbst.

Wir brauchen eine Zuflucht, wie alpine Wanderer Ausschau halten nach einer Schutzhütte angesichts eines Schneesturmes.

Wenn er aufkommt, ist es schon zu spät. Ich muss mich vorher über Zufluchtsmöglichkeiten informieren.

Wieviel mehr ist das für die eigene Seele und für die Ewigkeit nötig!

Im Blick auf unser Leben und Sterben brauchen wir einen festen Fels unter den Füßen, Gewissheit und eine tragfähige Lösung.

Gott stellt unsere Füße auf einen Fels (Ps. 40,3), dass wir sicheren Tritt fassen.

Darum spricht ein Christ: Der HERR ist mein Fels und meine Burg und mein Erretter. Gott ist mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Horn meines Heils, mein Schutz und meine Zuflucht, mein Heiland, der du mir hilfst vom Frevel. (2.Sam. 22,2+3)

Solche Gewissheit gründet sich auf die Zusagen Gottes. Sie sind das Fundament, auf dem ein Christ sicher und getrost lebt und seinem irdischen Ende entgegenlebt.

Erfährt er Mangel und Not, betet er: Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir! Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg. (Ps. 71,2+3)

Einem, der dem Glauben an Christus und dem Wort Gottes fernsteht, sage ich:

Wenn du das nicht hast und dir gesagt wird, dass es das gibt, dann hast du zwei Möglichkeiten:

a) Einerseits kannst du sagen: Schön, aber was ist die Bibel? Es sind ja nur Worte, die schön klingen, aber dahinter ist nichts! Dann stellst du dich auf die Seite derer, denen es eine „Torheit“ ist. Dann kommt der Teufel, stachelt deine Vernunft an, so dass sie sich über das gehörte Wort Gottes erhebt und es als nutzlos betrachtet.) Gott spricht: Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren worden. (Röm. 1,22)

b) Andererseits könntest du dir vom Wort Gottes helfen lassen, dass es dein Herz einnimmt, dich froh und getrost macht, so dass du schließlich durch Gottes Geist deine Vernunft gefangen nehmen kannst unter sein Wort. Auf diese Weise wirst du seine vergebende Güte erfahren, seine göttliche Stärke und Hilfe in deinem Dilemma und menschlichen Elend empfangen und genießen.

Dann kannst du auch mit klarem Blick auf dein Leben sehen, das begrenzt ist, auf deine Kräfte, die immer mehr abnehmen werden, auf deinen Aktionsradius, der immer kleiner werden wird.

Du wirst in der Kraft des Glaubens als ein Kind Gottes realistisch und dennoch fröhlich und zuversichtlich sagen können: Siehe, meine Tage sind einer Hand breit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Sie gehen daher wie ein Schatten und machen sich viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.

Fassen wir zusammen! HERR, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.

Das ist nicht das Gebet eines hoffnungslosen Schwarzmalers oder eines Menschen, der sich schwermütig in Todesgedanken wälzt!

Das ist vielmehr einer, der der Wirklichkeit nach dem Sündenfall ins Auge blickt, während er auf dem nimmer wankenden Felsen Jesus Christus steht, auf den er all seine Zuversicht setzt.

Denn Gottes Wort lehrt, „wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde“ und dass deswegen „der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben“ (Röm. 5,12).

Da steht die Frage: Nun, HERR, wessen soll ich mich trösten?

Wie heißt die Antwort? Was für einen Schluss zieht Gottes Wort? Folgenden: Ich hoffe auf dich.

Gott lehrt nicht allein, wie Not und Tod in unsere Welt gekommen sind, sondern auch den Ausweg, dass Gott seinen Sohn gesandt hat, damit „alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh. 3,16), dass Not, Leid und Tod in Christus überwunden sind.

Denn “Christus hat dem Tode die Macht hat genommen und das Leben und ein unvergänglich Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium“ (2.Tim. 1,10).

Die Heilige Schrift lehrt, dass der Tod durch die Sünde in die Welt gekommen ist, auch alles andere Böse, die Entfremdung von Gott und die Vergiftung der Gemeinschaft der Menschen untereinander.

Gott hätte uns auch im Sumpf dieser Bosheit stecken lassen können!

Doch er hat in seiner Barmherzigkeit einen Ausweg erschaffen.

Seine Hilfe aus dem allen besteht nicht darin, dass er die einzelnen Symptome bekämpft: Er geht dem Übel an die Wurzel.

Gegen die Entfremdung von ihm, gegen die Feindschaft, in der der Mensch geboren wird, gegen alle daraus wachsenden Sünden verhieß Gott den Retter von Sünden, Christus.

Darum lesen wir: Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten. (Röm. 5,18+19).

Die Verbindung des Menschen zum Erretter von Sünden, vom Tod und aus der Gewalt des Teufels ist der Glaube, die vertrauende Zuversicht auf Christus, die fest auf dem Wort Gottes steht.

Darum: Nun, HERR, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.

Das ist zuerst und vor allem wichtig, denn das ist deine „Schutzhütte“ im eisigen Sturm des vergehenden Lebens, dass du sprechen kannst:

Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, ist mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebt und regiert in Ewigkeit. Das ist gewiss wahr.

  • So lehrt uns Gottes Wort, unser Leben nach dem Maßstab der Ewigkeit zu betrachten. Im Blick auf…
  • …unser Dasein: „Denn wir haben hier keine bleibende Wohnstätte (Heimat), sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr. 13,14).
  • Leid und Not: Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. (Röm. 8,18)
  • …den Ausblick in all dem: „Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist“ (Eph 1,18).
  • Gottes Hilfe: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln… Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir…“ (Ps. 23,1.4).

    So weiß er sich geborgen im Schutz seines himmlischen Vaters und betet: „Dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost“ (Jer. 15,16).

    „Das ist mein Trost in meinem Elend, dass dein Wort mich erquickt“ (Ps. 119,50).

  • Gottes Gnade: In ihm hast du „die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Eph. 1,7).
  • Das soll dein Trost sein in allem! Denn darin hat Gott seine Liebe zu dir erwiesen, dass er dir seinen Sohn zum Heiland geschenkt hat. Das ist die Bestätigung dafür, dass er es immer nur gut mit dir meint – auch wenn er Leid und Not an dir zulässt.

Darum finden wir immer beides in der Heiligen Schrift: Die Lebenslust und Freude an allem Schönen, das Gott geschaffen hat und die Sehnsucht nach der ewigen Seligkeit: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn… Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christus zu sein“ (Phil 1,21.23).

Da ermuntert uns Gottes Wort fröhlich zu genießen, was Gott uns schenkt, das Herz guter Dinge sein zu lassen und den Unmut fern zu halten (Pred. 11,8ff.) – und leitet uns an zu beten: HErr, lehre mich, dass mein Leben hier einmal enden wird.

Darum beurteilt der gläubige Christ all dies von seinem Glauben an Christus her und bindet sich an Gottes Wort und Willen.

Darum bedenkt er, wie schnell alles Irdische verfliegt, wie schnell Geld wertlos wird und wie schnell verfällt, was der Mensch unter großer Mühe geschaffen hat!

Im Buch des Predigers Salomo lesen wir: „Ich sah alles Mühen an und alles geschickte Tun: Da ist nur Eifersucht des einen auf den anderen. Das ist auch eitel und Haschen nach Wind“ (Pred. 4,4).

Wer nur das irdische Leben sieht und sich nicht von Gott den Blick darüber hinaus öffnen lässt, ist arm dran!

Der Christ, das Kind Gottes, kennt auch Leid und Not und spricht darum mit dem Apostel: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2.Petr. 3,13). Amen.

Pfarrer Martin Blechschmidt, Runkel-Steeden