Lesepredigt für den 17. Sonntag nach Trinitatis

Predigt über Lukas 17,1-4

Hütet euch! Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm. Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen würde und siebenmal wieder zu dir käme und spräche: Es reut mich!, so sollst du ihm vergeben.

Im Namen des HERRn Christus, herzlich geliebte Gemeinde!

Zwei Worte aus dem Psalter: „Ich halte mich zu denen, die dich fürchten…“ (Ps. 119,63) und das andere: „Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!“ (Ps. 133,1)

Unser Gott und HErr hat uns ein großes, ein kostbares Gut geschenkt, die Gemeinschaft unter seinem Wort. Wir genießen etwas, was nicht viele in dieser Welt haben: Wir sind einig in Glaube und Bekenntnis.

Gott hat uns fromme Menschen an die Seite gestellt, mit deren Fürbitte, Zuspruch und Hilfe in der Not wir rechnen können – und denen wir auch beistehen wollen, wie wir uns das wünschen, wenn wir es brauchen.

Diesen von Gott gegebenen Schatz gilt es zu bewahren, denn er ist in großer Gefahr!

Hier gilt auch das Wort aus der heutigen Epistel: „Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben…“ (1.Petr. 5,8.9).

Bringt es der Teufel nicht über falsche Lehre, Unglaube und Verführung s weit, dass er jemanden aus der Gemeinschaft reißt und womöglich auch aus dem Reich Christi, so versucht er es über Sünde, Schwachheiten, Unzulänglichkeiten oder schlechten Angewohnheiten, die wir aneinander wahrnehmen.

Er will, dass wir uns ärgern, uns entfremden, uns übereinander erheben.

Wie viele hat der Feind schon durch seine List überwunden und aus unsrer Mitte gerissen!

Ich selbst muss über mich wachen, mich prüfen und nach Gottes Willen ändern.

Den einen verlockt er mit Geiz und Habgier, den anderen reizt er mit böser sündiger Lust, so dass der Glaube in ihm schließlich verkümmert.

Wieder andere umstrickt er mit mächtiger Verlockung zu Unzucht, den nächsten mit Jähzorn, Unversöhnlichkeit und mürrischem Wesen.

Den Dritten verführt er zu Gleichgültigkeit gegenüber dem Wortes Gottes oder sät einem anderen den Irrglauben ins Herz.

In unserem heutigen Predigttext lehrt Christus und mahnt denjenigen der sündigt und denjenigen, der im Glauben geärgert wird.

Er spricht: „Hütet euch!“ – das heißt: Achtet auf meine Worte, Achtet auf euch! Lasst dem Teufel keine Lücke, die er für sich nutzen kann. „Hütet euch!“ – das heißt auch: Lasst euch leiten und korrigieren, dann wird euch daraus Segen erwachsen. Ich bin euch gnädig und lasse euch durch die Kraft des Heiligen Geistes in der rechten christlichen Liebe stark werden: Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe; denn »die Liebe deckt auch der Sünden Menge« (1.Petr. 4,8).

Christus spricht: „Wenn dein Bruder an dir sündigt …“

Ja, auch unter Christen kommt es oft zur Versündigung!

Nicht nur dass einer Gemeinde auch Heuchler, also Scheinchristen, beigemischt sind – auch jedes wahre Kind Gottes ist noch ein Sünder.

Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns… Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.“ (1.Joh. 1,8.10).

Jeder Christ hat noch den alten Menschen in sich, wie einen Gehilfen des Teufels, der ihn zu immer neuer Sünde verführt.

So kommt es durch die List des Satans und den Betrug des eigenen Herzens auch bei Christen sogar zu schweren Sünden.

Es gibt keine Sünde, in die ein Christ nicht doch durch den Betrug des Teufels gestürzt werden könnte!

Die Heilige Schrift selbst zeigt uns solche Beispiele: Kain erschlug seinen Bruder Abel, David fiel in Ehebruch und mordete, Petrus ver­gaß das Beten und Wachen und verleugnete den Heiland – und was für abscheuliche Sünde hören wir aus der korinthischen Gemeinde, dass einer sexuellen Umgang mit seiner Stiefmutter hatte!

Wir sollen nicht unsere Sünden mit diesen entschuldigen, sondern den Ernst der Sache bedenken, wenn Jesus sagt: „Hütet euch! …“

Denn schnell kann ein gläubiger Christ fallen, das gute Gewissen und seinen Glauben verlieren und so wieder ein Kind der Hölle werden.

Wer das nicht wahrhaben will, der kennt sich selber schlecht, der steckt selbst noch in fleischlich-sicherem Wesen und hat keine Ah­nung von der Macht der Sünde und Bosheit des Teufels!

„Darum, wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle.“ (1.Kor. 10,12).

Wie soll ich handeln, wenn ich meinen Mitchristen sündigen sehe? Soll ich schweigen, damit er mir nichts übel nehmen kann?

Das ist der zaghafte Eigensinn des alten Menschen in uns, der mit Kain fragt: „Soll ich meines Bruders Hüter sein!“ – was geht mich seine Sünde an? Ich bin doch nicht schuld; ich will keine Probleme haben!

Kommt es dann nicht oft dahin, dass er sich von seinem Mitchristen abwendet und sich als sein Richter aufspielt? – ihn für unverbesserlich hält, ihm den Willen zur Umkehr abspricht und meint, jedes Wort stoße ja doch nur auf taube Ohren?

Darf ein Kind Gottes diesem Sinn des alten Adams folgen? Hieße das nicht, Glaube und Liebe verleugnen?

Würde sich ein Christ nicht damit in den Widerspruch zu Gott und seinem Wort setzen?

Könnte er dann noch beten: „Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern!“ (Matth. 6,12)?

Sagt Jesus nicht klar und deutlich: Wenn dein Bruder an dir sündigt, so weise ihn zurecht“.

Christus spricht vom „Sündigen“; d.h. wenn jemand dir gegenüber Gottes klare Gebote verletzt.

Mit „sündigen“ ist nicht gemeint, wenn jemand deine Vorstellungen, deine Maßstäbe, dein Denken verletzt, sondern wenn er Gottes Willen und seine Maßstäbe, d.h. die 10 Gebote übertritt!

Kein Christ darf seinen Mitchristen ruhig in Sünden lassen, wenn er wahrnimmt, wie dieser Gottes Gebote übertritt!

„Sündigt dein Bruder an dir“ heißt also: „Übertritt er Gottes Gebote mit Worten oder mit der Tat, und du hörst und siehst das“.

„Zurechtweisen“, nämlich seine Sünde beim Namen nennen. Das sollst du tun um der Liebe, um seiner Seligkeit willen.

Es geht also nicht darum, dass du dich als reiner und heiliger darzustellen versuchst, sondern darum, ihm seinen seligmachenden Glauben bewahren zu helfen, der durch Sünde bedroht ist!

Das erwartet, ja das fordert Christus von dir!

Weise ihn zurecht!“ – das ist eine Folge der Liebe zu ihm – der Liebe, mit der Christus einen jeden von uns lieb hat als der gute Hirte, der mit harter Hand vom Abgrund zurückreißen muss.

Von dieser Liebe schreibt der Apostel: „Die Liebe ist langmütig und freundlich… sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit“ (1.Kor.13,4ff).

Zurecht-weisen hat die Umkehr, ja seine Seligkeit zum Ziel.

Er soll erkennen, wie er durch sein Verhalten die an­deren Christen kränkt, die Schwachen verführt, Gottes Zorn auf sich lädt und unter das Gericht fällt.

Der andere soll wieder aufstehen, zu seinem Heiland fliehen, Vergebung und Jesu mächtige Stärke empfangen.

Dazu sollen, ja dürfen wir helfen in der Liebe des HERRn Jesus, die uns dazu drängt: „Wir aber haben Christi Sinn“ (1.Kor. 2,16b).

So wirst du deinem Mitchristen ein „Helfer zum ewigen Leben“.

Da­von schreibt der Apostel Jakobus: „Liebe Brüder, wenn jemand unter euch abirren würde von der Wahrheit und jemand bekehrte ihn, der soll wissen: wer den Sünder bekehrt hat von seinem Irrweg, der wird seine Seele vom Tode erretten und wird bedecken die Menge der Sünden.“ (Jak.5,19.20).

Ein solches „gegenseitiges Helfen zur Seligkeit“, ist oft ungeheuer anstrengend und erfordert sehr viel Geduld, denn da gibt es Rückschläge und bittere Enttäuschungen.

Seid untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus (Eph. 4,32).

Wie nötig ist auch hier das Gebet ist! Ja, „Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist“ (Jak. 5,16).

Wir sollen uns Helfer zur Seligkeit sein; darum mahnt der HERR Christus uns: „Wenn dein Bruder an dir sündigt, so weise ihn zurecht…“ und „wenn er es bereut, vergib ihm“.

Was ist das für eine Freude, wenn ein Mitchrist sich von seinem bö­sen Weg bekehrt und unter das Kreuz des HERRn flieht, wo wir alle durch Gnade und Vergebung erquickt werden!

Das Zurechtweisen hat ganz wunderbare Folgen: Dann nämlich, wenn der von Sünde gekettete Mitchrist seine Schuld erkennt und wieder befreit atmen und mit uns den Heiland loben kann.

Wenn ein Mitchrist mich zurechtweist (zum Rechten, zum Richtigen hin), so will ich das annehmen. Ja, das ist für mich nicht leicht. Das kann mir peinlich sein, dass der andere Recht hat! Und dennoch: Wenn ich sehe, dass seine Zurechtweisung im Einklang mit Gottes Willen steht, so will ich mich unter Gottes Wort beugen, das der andere mir sagt.

Der Psalm (141,5) sagt: „Der Gerechte schlage mich freund­lich und strafe mich; das wird mir so wohl tun wie Balsam auf meinem Haupt.“ (Ps.141,5).

Christus spricht: „So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut. (Luk.15,7).

Das also will Christus: So wie er dir vergeben hat und noch vergibt, so sollst du deinem Mitchristen vergeben – von Herzen gern und aufrichtig.

Wenn ein Christ dem anderen vergibt, schwinden Zorn und Miss­trauen aus dem Herzen, da trägt der vorher Gekränkte oder Beleidigte dem nichts nach, der um Vergebung bittet.

Was geschehen ist oder gesagt wurde, ist vergeben und vergraben.

Da ist lauter inniger Dank an den gütigen Gott, dass einer, der auf den Weg des Verderbens geraten war, wieder gewonnen ist!

Gerade so handelt ja dein Erlöser auch an dir!

Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat. So ferne der Morgen ist vom Abend, lässt er unsere Übertretung von uns sein“ (Ps. 103,10+12).

Und wenn es dir schwer fällt oder wenn dir immer wieder die Verfehlungen des anderen in den Sinn kommen: „Gleichwie Christus euch vergeben hat, so auch ihr“ (Kol. 3,13).

Und noch etwas sagt der HERR: „Und wenn er siebenmal des Tages an dir sündigen würde und siebenmal des Tages wie­derkäme zu dir und spräche: Es reut mich! so sollst du ihm vergeben“.

Das soll uns nicht zuviel werden! Aber wie schnell verlässt uns die Geduld! Da denkt man: Einmal sei doch das Maß voll!

Unser alter Adam meint, mit einem Menschen, der sich wiederholt an uns versündigt hat, brauche man nicht nachsichtig umzugehen.

Irgendwo sei doch die Grenze an Nervenkraft und Nachsicht, da müsse doch einmal ein Schlussstrich gezogen werden!

Darum sagt der HERR: Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen würde und siebenmal wieder zu dir käme und spräche: Es reut mich!, so sollst du ihm vergeben“

Dies kann kein Mensch aus eigener Kraft – es ist völlig unmöglich!

Als der HERR seine Jünger zu diesem unermüdlichen Vergeben ermahnt hatte, waren die Apostel geradezu erschüttert und sprachen: „HERR, stärke uns den Glauben!“

Diese übermenschlichen Kräfte kann dir nur Gott der HERR geben!

Anders geht es nicht!

Eine solche Geduld kannst du dir nur schenken lassen – aus dem „Brunnen der Gnade und Barmherzigkeit“ – Jesus!

Bedenke, wie viel Geduld der HERR mit dir hat!

Wie oft stehen wir im Gebet vor ihm und sprechen: „Vergib uns unsere Schuld wie wir vergeben unsern Schuldigern!“ (Matth.6,12).

Wie oft haben wir in diesem Raum schon gefleht: „Wasche mich wohl von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde! …Verwirf mich nicht von dei­nem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir. Tröste mich wieder mit deiner Hilfe…!“ (Ps.51,4.13)

Wie oft haben wir hören dürfen: „Ich vergebe dir alle deine Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hei­ligen Geistes!“

Ermahnt uns der HERR, sieben mal siebzigmal zu vergeben, so wissen wir: ER vergibt uns ja auch sieben mal siebzigmal.

Das ist unsere Rettung! Und nun spricht Jesus: „Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ (Luk. 6,31).

Darum wollen wir unsere Herzen von Jesus, dem treuen Heiland erweichen lassen und beides üben: das „Zurechtweisen aus Liebe“ und das „herzliche Vergeben“, denn ER will es zu unser aller Heil!

Darauf ruht sein Segen. Amen.

Gebet: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern! Amen.

Pfarrer Martin Blechschmidt, Runkel-Steeden