Christ ist erstanden! Osterpredigt

Predigt über Johannes 20,11-18

Maria aber stand vor dem Grabe und weinete draußen. Als sie nun weinete, guckte sie in das Grab und siehet zwei Engel in weißen Kleidern sitzen, einen zu den Häupten und den andern zu den Füßen, da sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und dieselbigen sprachen zu ihr: Weib, was weinest du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen HERRN weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.


Und als sie das sagte, wandte sie sich zurück und siehet Jesum stehen und weiß nicht, daß es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Weib, was weinest du? Wen suchest du? Sie meinet, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: HERR, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hingeleget? so will ich ihn holen.
Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni, das heißt, Meister!
Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an; denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.
Maria Magdalena kommt und verkündiget den Jüngern: Ich habe den HERRN gesehen, und solches hat er zu mir gesagt.

Im Namen unseres HERRn, der dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium, herzlich geliebte Gemeinde!

Als der HERR Christus das Heilige Abendmahl eingesetzt hatte, berichtet der Evangelist: „Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg“ (Matth. 26,30).

Den „Lobgesang“, das sind die Psalmen 113-118 – hat Christus vor seinem Leiden und seinem Opfertod mit den Jüngern gebetet.

Darin heißt es: „Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten: Die Rechte des HERRN behält den Sieg!“ (Ps. 118,15).

Gilt nicht vom Ostermorgen das alte Prophetenwort, in dem Christus spricht: „Ich will sie erlösen aus der Hölle und vom Tod erretten. Tod, ich will dir ein Gift sein; Hölle, ich will dir eine Pestilenz sein!“ und der Gläubige spricht: Doch ist der Trost vor meinen Augen verborgen(Hos. 13,14).

Genau so erging es Maria Magdalena.

Wir lesen von Maria Magalena, dass sie eine ganze Zeit neben den Aposteln und anderen Männern und Frauen an Jesu Seite ging:

Und es begab sich danach, dass er durch Städte und Dörfer zog und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes; und die Zwölf waren mit ihm, dazu einige Frauen, die er gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, genannt Magdalena, von der sieben böse Geister ausgefahren waren… viele andere, die ihnen dienten mit ihrer Habe“ (Luk. 8,1-3).

Maria Magdalena schaute „von ferne“, als Jesus starb und sie ging auch mit zum Grab „und sah, wo sie ihn hinlegten” (Mark. 15,40.47).

Den Sabbat über war es verboten, Kontakt mit den Toten in den Gräbern zu haben.

Doch nun, am ersten Tag der Woche „kommt Maria Magdalena früh, da es noch finster war (mit anderen Frauen, Luk. 16,1), zum Grabe und sieht, dass der Stein vom Grab hinweg war” (Joh. 20,1).

Da läuft Maria Magdalena zu den anderen zurück: „Sie haben den HERRn weggenommen aus dem Grabe, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben” (Joh. 20,2)

Sie kamen und sahen es und gingen wieder weg, „denn sie verstanden die Schrift nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste” (Joh. 20,8-10)

Maria aber stand vor dem Grab und weinte draußen.”

Warum hatte man seinen Leichnam geraubt? Warum aber waren dann die Leichentücher säuberlich zusammengelegt (Joh. 20,6.7)?

In tiefer Traurigkeit versunken stand sie da.

Eigentlich hätte sie nicht zu weinen brauchen, denn Jesus, ihr Heiland, den sie suchte, war ja nicht mehr tot: Er war auferstanden.

Das aber wusste sie noch nicht.

Sie hätte es wissen können, denn dreimal hatte er es angekündigt, dass er sterben müsste und am dritten Tag auferstehen werde!

Sie hatte es in ihrem Schmerz vergessen; sie hielt den HERRn für tot.

Und nun war ihr auch noch der letzte Trost genommen: nicht einmal seinen Leichnam konnte sie versorgen.

Als sie so dastand, schaut sie in das Grab hinein „und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den anderen zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten”.

Auf die Frage der Engel: „Frau, was weinst du?”, antwortet Maria: „Sie haben meinen HERRn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben”.

Sie haben meinen HERRen weggenommen!” – ihren HERRn hat sie verloren, den sie von Herzen liebt; und sie kann keinen Trost finden.

So ergeht es manchem Christen.

Es kommen Stunden, da scheint es, als sei Jesus nicht mehr da, als sei er tot; da können wir seine barmherzige Gegenwart nicht mehr spüren.

Diese Anfechtungen kennen wir aus Zeiten des Leides, der Not, des Zweifels und Kleinglaubens.

Da macht der Satan uns Gottes Wort und unseren Christenstand ungewiss und streut Misstrauen gegen Gott.

Wir bitten Gott um Hilfe und Befreiung, aber es scheint alles vergeblich zu sein. Er schweigt und lässt seine Hilfe nicht sehen.

Da empfinden wir keinen Trost – es ist, als habe er uns vergessen, als wolle er nicht mehr helfen!

In solchen Zeiten verstehen wir, wie es Maria zumute war und wie es im Psalm geschrieben steht: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir… Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich bedrängt? Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen und täglich sagen: Wo ist nun dein Gott?” (Ps. 42)

Dann ist es, als wäre unser Heiland tot; wir suchen ihn und können ihn nicht finden.

Das sind schwere Stunden; da zittert und zagt unser Glaube!

Dann gilt es, Gottes Wort zu hören oder zu lesen, auch wenn man gar keine Lust dazu hat! – denn die Freude daran bekämpft der Teufel!

Was kann uns dann helfen? Dann gilt es, sich an Gottes Wort zu klammern und entgegen allem Gefühl daran festzuhalten!

Als Maria ihre Not dem Engel geklagt hatte, wandte sie sich um, denn sie spürte irgendwie, dass jemand hinter ihr stand: „Und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen”.

Wie nahe ist der HERR bei ihr – und sie erkennt ihn nicht!

Auch uns ist der HERR ganz nahe, gerade wenn wir meinen, wir seien von ihm allein gelassen!

Wenn die Not am größten ist, ist Gott am nächsten!

Er steht schon bei uns, mit seinem Trost, mit seiner Kraft, in seinem Wort – nur dass wir es noch nicht gemerkt haben!

Die große Liebe zu ihm hat Marias Sinne gefesselt: Sie sieht es nicht; sie hört es nicht; sie erschrickt nicht einmal vor den Engeln wie andere!

Luther schreibt: „Sie hätte ihm einen ‚Guten Morgen‘ wünschen sollen, platzt ihn aber an und denkt, alle Welt müsse mit ihr einig sein. ‚Wo hast du ihn hingelegt? Sag mir‘s, so will ich ihn holen!‘ Ein schönes Holen sollte das sein! Eine Frau will einen toten Körper tragen! So ist auch jedes christliche Herz bereit, das Christus wahrhaftig lieb hat, dass es denkt, ihm sei alles möglich… Darum ist diese Maria ein Vorbild aller, die an Christus hängen, dass ihr Herz in lauter rechtschaffener Liebe gegen Christus entbrannt sein soll. Denn sie vergisst alles, …lässt sich von nichts anfechten.. so sehr haben die Gedanken von ihrem lieben HERRn Christus ihr Herz eingenommen und gefangen. … O dass wir auch ein solches Herz haben sollten, dann wären wir andere Leute! Aber leider sind wir oft heute kalt und morgen noch viel kälter… Und dennoch: Was für Wohltaten empfangen wir von ihm! Er geht mit uns um, wie er mit Maria umgegangen ist… Ja, möchtest du sagen: ‚Maria hatte es gut.‘ Antwort: ‚Hast du es nicht ebenso? Hören wir seine Rede nicht viel reichlicher als sie? So sollte nun das Feuer in unseren Herzen viel größer sein.‘ Von einem solchen Herzen wäre der Teufel weit entfernt; aber die heiligen Engel und der HERR Christus selbst werden nahe dabei sein, wie wir an Maria sehen.” (M.Luther)

Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du?”

Er fragt nach ihrem Kummer und will, dass sie ihr Herz erleichtert.

In Not und Anfechtung ist unser HERR nicht nur bei uns, sondern weiß auch, wann und wie er allen Kummer von uns nehmen will.

Er kennt Mittel und Wege, seine Hilfe ist längst bereit!

Er er hält mitten im finsteren Tal in Treue an uns fest, ohne dass wir seine barmherzige Gegenwart bemerken!

Spricht Jesus zu ihr: Maria!”

Ein Wort sagt ihr der HERR, nennt sie bei ihrem Namen und ruft sie mit dem gewohnten Klang seiner Stimme.

Da erkennt sie ihn!

So ergeht es allen Christen, wie Jesus spricht: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir” (Joh. 10,27).

So konnte kein anderer mit ihr reden!

Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni!, das heißt mein Meister”; was für ein Osterjubel zog jetzt in Marias Herz ein!

Das ist allezeit so: Ein Wort des HERRn – und alle Traurigkeit verwandelt sich in Freude und Jubel!

Denn so spricht ja Christus auch zu dir und mir: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!” (Jes. 43,1)

Wenn wir Jesu Stimme in seinem Wort hören, dann muss alle Furcht weichen, dann kann uns keine Macht im finsteren Tal halten!

Bist du in Sorge und Kummer, hat Trübsal dein Herz eingenommen; weißt du nicht, wie es weitergehen soll, wo Mittel und Wege für dich zu finden sind: Schaue mit Maria auf Jesus, höre, seine Stimme!

Auch wenn du wie der Prophet seufzen musst: Doch ist der Trost vor meinen Augen verborgen” (Hos. 13,14b).

Der HERR weiß schon längst, wie er dir helfen will.

Er hatte gesagt: Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen” (Matth. 6,33).

Und es fällt Maria hier einfach zu, Jesus schenkt ihr Freude und Trost.

Mitten auf dem Friedhof, vor dem Grab, gerade eben noch in lauter Traurigkeit versunken, erfährt sie die große Macht des HERRn.

Darum sollen wir zuversichtlich beten, wie der Psalm uns lehrt: „Lass mich hören Freude und Wonne, dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast“ (Ps. 51,10).

Wenn sich Gottes Gnade für uns verdunkelt hat, so halten wir Jesu Wort unserer Seele vor: „Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil!” (Ps. 73,26)

Auch uns lässt er – eben wie Maria – eine Zeitlang warten, aber dann reißt er uns heraus aus der Enge der Angst und gibt Raum, dass wir wieder frei atmen können, wie David bezeugt: „Er führte mich aus in den Raum; er riss mich heraus, denn er hatte Lust zu mir” (2.Sam. 22,20).

Das ist ein Vorgeschmack hier im Irdischen auf die zukünftige Herrlichkeit im Himmelreich!

Was für ein Jubel wird unsere Herzen einnehmen, wenn wir ihn im Himmel mit unseren Augen sehen werden – IHN, an den wir hier glauben, den wir lieben, ohne ihn leiblich zu sehen!

Wie wird das sein, wenn wir aus seinem Munde unsere Namen hören, die er mit seinem teuren Blut in das Buch des Lebens eingeschrieben hat!

Wie wird dann „unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein” (Ps. 126,2), wenn er „abwischen wird alle Tränen von unseren Augen” (Offbg. 7,17) wenn er uns nach all dem irdischen Kummer in seine Arme schließt!

Auch wir wollen schon jetzt unseren Jesus Rabbuni, „mein Meister” nennen, ihm nachfolgen, wie er uns führt, in guten und in bösen Tagen, denn er führt uns doch in die ewige Seligkeit!

Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.”

Rühre mich nicht an!”

Maria wollte ihn festhalten und ihn nicht mehr von sich lassen – wie Petrus auf dem Berg der Verklärung, der dort am liebsten drei Hütten errichtet hätte und in der Gemeinschaft nur mit Jesus geblieben wäre.

Rühre mich nicht an!” Maria soll sich nicht lange aufhalten; die anderen sollen doch auch die Freudenbotschaft hören!

Damit zeigt Christus: Er würde nicht leiblich bei ihnen bleiben, sondern auffahren zum versöhnten Vater im Himmel.

Maria sollte schon jetzt lernen, ihn nicht sichtbar und leiblich bei sich haben zu wollen, sondern ihn im Glauben und Herzen zu bewahren.

Hängen wir nicht auch sehr am ‘Schauen’, wollen erfahren, erleben, mit Händen greifen – und trauen dem Wort Gottes oft wenig zu?

Und doch tröstet Jesus die Seinen eben damit, dass sie ihn zwar eine Zeitlang nicht sehen werden, dass dies aber die Voraussetzung für die nie endende Vereinigung im Himmel ist: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehme, damit ihr seid, wo ich bin” (Joh. 14,2f).

Darum soll es in der Kraft des Heiligen Geistes unser Ziel sein, den Blick immer mehr vom Sichtbaren auf das Unsichtbare zu richten, vom Vergänglichen auf das Unvergängliche, von dieser Zeit auf die Ewigkeit.

Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig” (2.Kor. 4,18).

Christus hatte gebetet – und damit klar seinen Willen erkennen lassen: „Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, dass sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast…” (Joh. 17,24).

Bis wir dahin kommen, gilt uns sein Wort: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende” (Matth. 28,20).

Ob wir es fühlen oder nicht, er ist bei uns.

Er ist bei uns in Freude und Trauer, in Trübsal und Jubel, an jedem Tag.

Zu Maria sprach der HERR: „Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem und zu eurem Gott!”.

Er nennt sie „Brüder”, obwohl sie ihn in der Stunde der Not verlassen hatten, aus Angst geflohen waren!

Das Wort nun, dass der HERR seine Jünger Brüder nennt, ist die rechte Absolution [d.h. Vergebung], mit der er sie von allen Sünden entbindet, dass sie diese vergessen und sich nicht mehr davor fürchten sollen… Wenn nun die Jünger Brüder heißen, dann haben sie auch keine Sünde [mehr], sonst …wäre Christus nicht recht unser Bruder. (Luther)

Er hat ihnen verziehen! Die Sünde ist vergeben, die Schuld ist vergessen.

Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den HERRn gesehen, und das hat er zu mir gesagt” .

Der HERR ist auferstanden; er ist wahrhaftig auferstanden!” Amen.

Pfarrer Martin Blechschmidt, Runkel-Steeden