Predigt am Silvestertag

Von der Beschneidung Christi

Text: Und da acht Tage um waren, dass das Kind beschnitten würde, da ward sein Name genannt Jesus, welcher genannt war von dem Engel, ehe denn er in Mutterleibe empfangen ward. (Lukas 2,21)

Liebe Gemeinde!

Morgen, am Neujahrstag, feiern wir das »Fest der Beschneidung und Namensgebung Christi«.

Wir hören das kürzeste Evangelium, das im Kirchenjahr verlesen wird, denn es besteht nur aus einem einzigen Satz.

Dieser Satz enthält zwei Teile. Der erste Teil ist von der Beschneidung Christi. Der zweite Teil vom Namen Jesu – wie er genannt war vom Engel, ehe denn das Kind im Mutterleib empfangen war.

Wir hören heute die Predigt von der Beschneidung und morgen vom Namen Jesu.

In der heiligen Nacht verkündigte der Engel GOttes den Hirten: »Euch ist heute der Heiland geboren!« (Luk. 2,11)

JEsus ist der Heiland der sündigen Menschen. GOtt ist Mensch geworden und hat sich selbst zum Opfer gegeben.

Das hat er getan, damit aus uns Sündern, von GOtt getrennten Menschen, Kinder GOttes werden, versöhnt mit GOtt, im Frieden mit GOtt – durch den Glauben an JEsus.

Auf JEsu Opfer am Kreuz wies GOtt durch die Propheten, und auch die Opfer, die im Tempel dargebracht wurden, waren Hinweise auf IHN und sein vollgültiges Opfer.

GOtt selbst hatte die Opfer im Alten Bund befohlen: »Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung.« (Hebr. 9,22)

Nun ist Christus endlich gekommen. Nun sind keine Tieropfer mehr nötig, denn was GOtt da in alter Zeit befohlen hatte, ist durch Christi Opfer erfüllt: »Das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.« (1. Joh. 1,7)

»In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade« (Eph. 1,7)

Nun sprechen wir heute von Christi Beschneidung.

In alter Zeit hatte GOtt dem Abraham befohlen: »Das aber ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinem Geschlecht nach dir: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden; eure Vorhaut sollt ihr beschneiden. Das soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch. Jedes Knäblein, wenns acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen. Desgleichen auch alles, was an Gesinde im Hause geboren oder was gekauft ist von irgendwelchen Fremden, die nicht aus eurem Geschlecht sind.« (1.Mose 17,10-12).

Abraham, alle Jungen und Männer im Haushalt – Juden und Nichtjuden sollten beschnitten werden und alle Knaben, die noch geboren werden. Das sollte am achten Tag nach der Geburt geschehen. Wer nun das Zeichen der Beschneidung an sich trug, dessen GOtt wollte der HErr sein.

Nun ist es ein besonderer Rat GOttes, dass nicht allein Abraham, der Stammvater Israels, sich beschneiden lassen musste, sondern auch alle seine männlichen Hausgenossen.

Die Juden sollten sich nicht rühmen können, sie allein seien GOttes Volk. Hier nimmt GOtt Abrahams Knechte, die ja Heiden waren, auch zu seinem Volk und zu seinen Kindern und Erben. Ja, sie werden es eher als Isaak, Abrahams leiblicher Sohn, auf dem die Verheißung GOttes lag, dass durch Abrahams Same alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden (1.Mose 12,3).

Uns neutestamentlichen Gläubigen ist die Beschneidung nicht mehr geboten, denn mit Christi Kommen ist auch sie erfüllt: »Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubet, der ist gerecht.« (Röm. 10,4).

Obwohl die Beschneidung uns nichts mehr angeht, so ist für uns doch wichtig die Erklärung dieser göttlichen Einsetzung und das Bild des Glaubens. Sehr viele Dinge aus dem Alten Testament dienen uns ebenfalls zum Vorbild des Glaubens.

Wir sollen nicht die Dinge tun, die GOtt damals ihnen befohlen hat, aber wir lernen an ihnen Glaube und Gehorsam.

»Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit…« (2.Tim. 3,16)

Hier lehrt uns GOttes Wort, weist uns zurecht und zur Besserung – es erzieht uns in der Gerechtigkeit, die vor GOtt gilt.

Darum wird bis heute von der Beschneidung gepredigt – nicht dass wir uns auch beschneiden lassen, sondern dass wir daraus lernen, GOtt gehorsam zu sein wie auch Abraham GOtt gehorsam war.

Wäre Christus nicht gekommen und hätte das Gesetz nicht erfüllt, so müssten auch wir uns beschneiden lassen, wenn wir denn zu GOttes Volk gehören wollen.

Uns befiehlt er, dass wir uns taufen lassen, denn an die Stelle der Beschneidung der Knaben ist die Taufe aller Kinder und Erwachsenen getreten, die zu GOttes Volk gehören wollen.

Im Neuen Testament wird die Taufe mit der Beschneidung gleichgesetzt: »In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht,…durch die Taufe… und hat uns vergeben alle Sünden« (Kol. 2,11-14).

GOtt lässt uns hier sehen, wie töricht er seine Sachen beginnt, wollte man es nach der Vernunft beurteilen.

Die stolzen Heiden hatten für die Beschneidung nur Hohn und Spott übrig. Sie meinten: Sollte GOtt, der doch die ewige Weisheit ist, den Menschen ein solch lächerliches Gebot gegeben haben? – dazu noch so alten Leuten (denn Abraham war damals 99 Jahre alt).

Alles, was GOtt gebietet, soll der Vernunft nicht gefallen; jeder soll darüber lachen und es für die größte Dummheit halten.

Andererseits, was er nicht befiehlt, was wir Menschen uns selbst ausdenken, was wir für klug halten, das soll ihm gefallen – so meint die Vernunft.

Wie lehrt Paulus? »Weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben« (1.Kor. 2,21).

Was ist törichter, als dass im heiligen Abendmahl, unter dem Brot der Leib Christi und unter dem Wein das Blut Christi zur Vergebung der Sünden gegessen und getrunken wird?

Was soll ein Bissen Brot und ein Schluck Wein bewirken, denkt die Vernunft.

GOtt ändert es deswegen nicht.

So ist es auch mit der heiligen Taufe. Dass ein Kind, das nach dem Befehl Christi ins Wasser getaucht oder damit begossen wird, von Sünden abgewaschen und aus dem Reich des Teufels in Christi Reich versetzt wird, wie soll sich das zusammenreimen?

Wie könntest du es glauben, wenn du das Wort GOttes nach hinten setzt und es mit deiner Vernunft ermessen und begreifen willst?

Sünde ist doch kein Dreckfleck, den man mit Wasser auswaschen kann!

Und wie hätte Abraham urteilen und denken können! Hätte er nicht sagen können: Was soll das bewirken? Hätte GOtt den Körper anders haben wollen, so hätte er ihn anders gemacht – so dass man nicht erst ein Stück davon abschneiden muss!

Luther sagt dazu: »Aber wenn man an die Frage kommt, warum GOtt dies oder anderes befohlen habe, so hat der Teufel schon gewonnen; wie man sieht an der Eva im Paradies. Die hatte den Befehl, sie sollte von dem verbotenen Baum nicht essen. Da sie aber solchen Befehl aus den Augen ließ, und hörte dem Teufel zu, warum doch GOtt solches sollte verboten haben, , da ging sie dahin, fiel in den gräulichen Ungehorsam, da wir noch alle (dar-) an tragen müssen.

Darum sollen wir aus solchem Befehl der Beschneidung fleißig lernen und uns stracks danach richten: Wenn GOtt etwas heißt (gebietet) sagt oder tut, so sollst du dein Maul zuhalten und auf die Knie fallen, weiter nichts fragen noch sagen, sondern tun, was er dir heißt, hören, was er dir sagt, und dir gefallen lassen, was er tut. Denn GOtt will von uns ungemeistert (unbelehrt) sein, die wir von Natur Kinder des Zorns, Sünder und Lügner sind.

Derhalben sein Rat, Wort und Werk uns viel zu hoch ist, dass wirs verstehen sollten. Noch (dennoch) sind wir so blinde, vermessene Narren, die sich dünken lassen, dass sie es nicht allein verstehen, sondern auch wohl besser könnten machen…« Walch2 XIIIa, col 106 (Abs. 10f.)

Darum ist die Beschneidung im Alten Bund ein sehr schönes Beispiel des rechten Glaubens, weil Abraham und die Seinen den Befehl GOttes sogleich nachgekommen sind.

Sie haben nicht gesagt: GOtt wird es wohl irgendwie anders gemeint haben – wie es die Verächter der heiligen Taufe und dem heiligen Abendmahl machen. Die sagen: Die Taufe wäscht nicht Sünde ab und gilt nur für Erwachsene, denn Kinder begreifen es nicht und können nicht glauben. Oder im heiligen Abendmahl geschieht nichts, wir empfangen auch nicht Christi Leib und Blut unter Brot und Wein, sondern es bedeutet nur Leib und Blut.

Abraham hat sich gesagt: Weil GOtt es befohlen hat und es so haben will (es scheine töricht oder nicht), soll es so sein, wenn ich denn selig werden will.

Die Beschneidung JEsu Christi

Auch das kleine Jesuskind ist am achten Tag nach der Geburt beschnitten worden.

Seine Beschneidung ist jedoch himmelweit unterschieden von der Beschneidung aller anderen. Der Unterschied liegt nicht in der Handlung, sondern in der Person!

Sie war ja den Sündern gegeben, die des Gerichtes GOttes und der ewigen Verdammnis schuldig waren.

Christus aber ist ohne alle Sünde (Jes. 53,9; 1.Petr. 2,22; Hebr. 4,15) und ein Herr des Gesetzes, denn er hat es als der lebendige GOtt selbst gegeben.

Paulus lehrt uns: »Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.» (Gal. 4,4f.)

Für sich und seine eigene Person hat Christus die Beschneidung nicht empfangen müssen.

Er hat es für uns getan, »damit er die, die (als Sünder und Verlorene) unter dem Gesetz waren, erlöste«.

Wir brauchten einen solchen Heiland, der ohne Sünde ist und für uns das Gesetz GOttes erfüllt und damit den Zorn GOttes stillte.

Darum hat er sich unter das Gesetz begeben, hat sich bescheiden lassen, hat gelitten und den Kreuzestod erduldet.

Er schenkt uns diesen Sieg, den er mit seinem Leben und Leiden erworben hat, damit wir im Glauben an ihn frei sind und keinen Tod, keinen Zorn Gottes, kein Gericht und keine Verdammnis befürchten müssen.

Denn wer sich an Christus im rechten Glauben hält, der soll von all dem frei sein.

»Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns« (Gal. 3,13).

Beachte diesen Unterschied: Abraham musste unter GOttes Gesetz und sich beschneiden lassen, denn er war ein Sünder.

Christus aber ist kein Sünder, muss also nicht unter das Gesetz. Er tut es aber, damit »alle, die an ihn glauben« vom Fluch des Gesetzes frei sind.

Darum ist das Fest der Beschneidung Christi ein Fest voller Trost für uns Sünder, ein Fest an dem wir GOtt danken und preisen sollen – auch wenn wir täglich viel sündigen und nichts als Strafe verdient haben, so soll uns das an unserer Seligkeit nicht schaden, weil Christus für uns das Gesetz erfüllt hat.

Nun nützte die Beschneidung den Juden nichts, denn durch dieses äußerliche Zeichen wurden sie nicht rein und von ihrer Sündenschuld befreit.

Denn obwohl sie beschnitten waren, stand doch da GOttes Gebot: »Du sollst GOtt lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und ganzem Gemüt!«.

Aber da ist kein Mensch, der von sich sagen könnte: Das habe ich alles erfüllt.

Oder GOttes Gebot: »Du sollst dich nichts Böses gelüsten lassen!«. Zeige mir einen Menschen, der von sich behaupten könnte, dass er das halten könne.

Du kannst ein Gebot nehmen, welches du willst, so musst du sagen, dass es keinen gibt, der es vollkommen gehalten hat.

Was spricht GOtt für ein Urteil über Leute, die seine Gebote nicht vollkommen halten?

»Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, dass er danach tue! Und alles Volk soll sagen; Amen.« (5.Mose 27,26).

Alle, die sich auf Werke des Gesetzes verlassen, sind unter dem Fluch, denn keiner kann das Gesetz halten.

So folgt daraus: Das Gesetz verklagt uns und liefert uns aus unter Gottes Zorn und Gericht.

Darum muss man eine bessere Predigt haben als die des Gesetzes, die uns mehr gibt als das Gesetz je geben kann. Denn das Gesetz kann nicht mehr als gebieten: Du sollst GOtt lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Aber genau das erregt im Menschen Zorn, Widerwille, Ungeduld, Neid, Hass, Hochmut.

Darum gibt es keinen, der dieser Predigt des Gesetzes mit Lust und Liebe folgen kann – und würde er sich bis aufs Blut abmühen!

Das ist der Grund dafür, dass ein Größeres, Höheres und Besseres kommt, nämlich Christus. Er ist ohne Sünde, voller Lust und Liebe zu dem Gesetz, das er selbst als der wahre GOtt den Sündern gegeben hat, ist auch voller Lust und Liebe zu GOtt und den Menschen.

Er kommt, um durch sich selbst das Gesetz für uns unschädlich zu machen.

Er erfüllt das Gesetz an unserer Statt und befreit uns damit vom Fluch des Gesetzes.

Darum brauchen die, die an Christus glauben, die Beschneidung nicht mehr, denn sie sind von dieser und allen anderen Bürden des Gesetzes befreit.

Sie haben Erlösung und Vergebung aller Sünden und die Verheißung des ewigen Lebens durch Christus.

Ich soll nun meinen alten Menschen (Adam) zähmen, dass er tut, was GOtt gebietet, sonst wäre ich ein ganz ungehorsames Kind.

Aber in meinem Leben gibt es viel Ungehorsam.

Wir alle tun viel, was wir besser lassen sollten und lassen viel, was wir nach GOttes Willen tun sollten.

Da ist kein anderer Trost, als dass wir unter diesen Schutz fliehen, der da heißt: Christus hat sich unter das Gesetz begeben.

Daran sollen wir uns trösten. Was an unserem Gehorsam gegenüber GOtt fehlt, das hat Christus erfüllt.

Hat GOtt das aus lauter Liebe zu mir getan, so will ich ihn wieder lieben und all das tun, was ihm lieb ist und meiden und fliehen, was er verbietet.

Im Glauben an Christus wird ein Sünder »lustig und freundlich« gegenüber GOtt, wie Luther sagt.

Daraus folgt die rechte Erfüllung des Gesetzes – nicht gezwungen, sondern willig.

Auch wenn sie noch ganz und gar unvollkommen ist, so gefällt es doch GOtt um des Glaubens an Christus willen.

Denn was noch so mangelhaft ist, schließt GOtt selbst unter die Vergebung der Sünden.

Darum ist dieses Fest der Beschneidung Christi ein tröstliches Fest.

Besonders wenn wir zurückblicken auf das vergangene Jahr.

Da habe wir auch viel getan, was wir besser hätten lassen sollen und haben viel gelassen, was wir nach GOttes Willen hätten tun sollen.

Ja, wir fallen auch mitunter in schlimme Sünden.

Nun wollen wir am Ende dieses Jahres zu unserem GOtt und HErrn sagen: Lieber HErr, du hast uns allen geboten, dass wir dich von ganzem Herzen lieb haben und unseren Nächsten wie uns selbst. Ich habe es leider nicht getan und kann es auch nicht vollkommen tun. Nach meinem Handeln und Unterlassen bin ich verloren, deinem Gericht und der ewigen Verdammnis verfallen. Aber das ist mein einziger Trost und Schutz, dahinter ich mich verberge: Dein lieber Sohn hat sich unter das Gesetz begeben und sich beschneiden lassen wie ein Sünder. Er hat deinen Willen vollkommen erfüllt. Das ist um meinetwillen und um aller anderen Sünder willen geschehen. Darum bitte ich dich, lieber himmlischer Vater, du wollest mir um seinetwillen gnädig sein.

So lerne auf die Heiligkeit und Gerechtigkeit Christi zu vertrauen. Setze all deine Zuversicht auf IHN. So lebst du als ein Kind GOttes und weder Sünde noch Tod kann über dich herrschen.

Das schenke uns allen unser lieber HErr Christus. Amen.

D. MARTIN LUTHER ml/mb W2 XIIIa, 102ff.