Predigt zum 1. Advent

Predigttext

Und der HERR sprach zu Abram: Gehe aus deinem Vaterland und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 1.Mose 12,1-3

Liebe Gemeinde!
Als Gott der HERR im Beisein Adams und Evas die erste Verheißung vom kommenden Heiland gab (1.Mose 3,15), mussten noch 5000 Jahre vergehen bis Christus geboren wurde.

Diese erste Zusage Gottes schlossen Adam und Eva fest in ihre Herzen: Sahen sie auf ihr Sündenelend, so trösteten sie sich an Gottes Wort, es werde einmal ein Stärkerer geboren werden, der die große Macht und List des Verführers bricht und das verlorene Heil wiederbringt.

1700 Jahre nach dem Sündenfall brach die Sintflut über die Welt herein, und 1200 Jahre nach der Sintflut sprach Gott der HERR zu Abram: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“.

So liegen zwischen der Verheißung an Adam und Eva und der an Abram ungefähr 3000 Jahre.

Gott der HERR erneuerte seine Zusagen gegenüber Abram und seinen Kindeskindern; und alle diese Gottesworte sprechen davon, wie Gott sich erniedrigen und ein Mensch werden würde.

Darum richtete Gott auch sein Wort an bestimmte Menschen, denen er offenbarte, aus ihrem Geschlecht sollte der Heiland kommen.

Wir erkennen im Alten Testament eine gerade Linie von Adam über Abraham, Isaak, Jakob, David bis hin zu Maria, der Mutter Jesu und zu Joseph, seinem Pflegevater.

Ein Glied nun in dieser Kette ist Abram (d.h. „Großer Vater”), dem Gott später den Namen „Abraham“ (d.h. „Vater einer großen Menge“) gab.

Zu ihm sprach Gott: In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden

1. Wer war Abraham und worin besteht der Segen?
2. Wer sind die Kinder Abrahams, denen dieser Segen gilt?

1. Wer war Abraham?

Er wohnte zunächst in Ur in Chaldäa (heute südl. Irak).

Als Abram 75 Jahre alt war, sollte er zu einem unbekannten Ziel aufbrechen, „in ein Land, das ich dir zeigen will“, sprach Gott.

Weitere Familienangehörige und auch sein Neffe Lot zogen mit ihm, bis sie schließlich nach Kanaan kamen und Gott sprach: „Deinen Nachkommen will ich dies Land geben“ (1.Mose 12,7).

War der ergraute Mann nun am Ziel seiner Reise? Nein!

Eine Teuerung kam ins Land „Da zog Abram hinab nach Ägypten…” (1.Mose 12,10).

Gott führte ihn und die Seinen in Not und Glaubensproben.

So ergeht es den Kindern Gottes auch heute: Gerade wenn sie dem Willen Gottes folgen, kann es geschehen, dass sie in widrige Lebensumstände und sogar in Not kommen.

Und doch ist dieser Weg richtig – auch wenn es manchmal nach dem Gegenteil aussieht: „Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen“ (Röm 8,28).

Abram war nie von Gott verlassen, und Gott der HERR hielt ihn allezeit in seiner Hand, bewahrte und leitete ihn und war bei ihm an jedem Ort, zu jeder Stunde; und immer folgte ihm das Wort nach: „Ich will dich segnen… und sollst ein Segen sein”.

Als Abram 99 Jahre alt war, sprach Gott zu ihm: „Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein! Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit“ (1.Mose 15,5f).

Abraham und Sarah bekamen den Isaak; Isaak ist der Vater Jakobs, der von Gott „Israel“ genannt wurde und von dessen Söhnen die 12 Stämme des alten Gottesvolkes kommen.

Mit Abraham schloss Gott einen Bund, dass aus seinen zahlreichen Nachkommen der Heiland geboren werden sollte.

Gott setzte das alttestamentliche Sakrament der Beschneidung ein und Abraham ergab sich gehorsam in den Willen Gottes – auch als Gott ihm plötzlich befahl, er solle seinen eigenen Sohn Isaak zum Opfer bringen.

Im Neuen Testament heißt es dann: „Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak, als er versucht wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, als er schon die Verheißung empfangen hatte und ihm gesagt worden war: »Was von Isaak stammt, soll dein Geschlecht genannt werden.« Er dachte: Gott kann auch von den Toten erwecken; deshalb bekam er ihn auch als Gleichnis dafür wieder“ (Hebr. 11,17-19).

Abraham musste seinen Sohn nicht opfern, aber er war dazu bereit.

Gott zeigte ihm ein Schaf, das brachte Abraham zum Brandopfer dar.

Das ist ein Hinweis auf Jesus Christus, der sich an unserer Statt zum Opfer gegeben und unsere Schuld getragen hat: „Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes. 53,5b).

In dem allen vertraute Abraham felsenfest auf Gott und auf Gottes Verheißungen.

Darum lehrt Gottes Wort von ihm: „Er hat geglaubt auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war, dass er der Vater vieler Völker werde, wie zu ihm gesagt ist: »So zahlreich sollen deine Nachkommen sein.« Und er wurde nicht schwach im Glauben, als er auf seinen eigenen Leib sah, der schon erstorben war, weil er fast hundertjährig war, und auf den erstorbenen Leib der Sara. Denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre und wusste aufs allergewisseste: was Gott verheißt, das kann er auch tun. Darum ist es ihm auch »zur Gerechtigkeit gerechnet worden«. Dass es ihm zugerechnet worden ist, ist aber nicht allein um seinetwillen geschrieben, sondern auch um unsertwillen, denen es zugerechnet werden soll, wenn wir glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten…“ (Röm. 4,18-24).

Das soll unsere erste Adventsbitte sein: Lieber Vater im Himmel, gib mir, dass ich mich so auf dich verlasse wie der Vater Abraham, und dass ich deinem Wort so fest vertraue wie er! -dass auch ich aufs allergewisseste weiß: Was du verheißt, das kannst du auch tun!

Im Römerbrief lesen wir: „Abraham ist unser aller Vater“ (Röm. 4,16) – und zwar dann, wenn wir in den Fußtapfen des Glaubens gehen (Röm. 4,12), den er zu Gott hatte, „dem er geglaubt hat, der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, dass es sei“ (Röm. 4,17).

Weil Gott es ihm zugesagt hatte, glaubte Abraham, dass durch seinen Samen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden, dass also aus seinen Kindeskindern der Heiland kommen sollte, den Gott Adam und Eva zugesagt hatte.

Aber worin besteht der Segen, den Gott ihm verhieß?

Segen” ist, wenn Gott aus lauter Gnade etwas schenkt.

Schenkt Gott den Sündern etwas aus lauter Gnade, so ist es Vergebung und Friede – wie die Hl. Schrift sagt „Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“.

Der Segen Gottes kommt auf uns herab, wenn wir die Wege gehen, die Gott der HERR uns in seinem Wort zeigt; der Segen bleibt uns versagt, wenn wir nach eigenem Gutdünken handeln.

Abram folgte, als Gott zu ihm sprach: „Gehe aus deinem Vaterland und aus deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will”.

Abram sprach nicht: Warum, wieso, ich bin doch schon so alt! Hinaus aus dem Vaterland, weg von Freunden und Bekannten, das Vaterhaus verlassen und in ein Land ziehen, das ich nicht einmal kenne. Ich weiß nicht, wo es liegt und wie es dort ist!

Wie Abram gehorchen alle Kinder Gottes ihrem himmlischen Vater – auch wenn sie nicht verstehen, warum es gerade so sein soll und nicht anders!

Aber gerade wenn die Kinder Gottes dem Wort ihres HERRn folgen, kommen sie oft in Not: Abraham kam nach Kanaan und dort herrschte Hungersnot. Daniel gehorchte Gottes Wort und sollte in der Löwengrube umkommen. Die Apostel gehorchten Jesu Wort und kamen auf dem See in große Not.

So erging es auch den Kindeskindern Abrahams: Kaum hatte Isaak sich an einem Ort niedergelassen, kaum hatten seine Leute Brunnen gegraben, kamen die Philister, verschütteten die Brunnen und vertrieben die Gemeinde.

Jakob musste auch viel Trübsal erleiden.

So führt Gott in allen Zeiten seine lieben Kinder in tiefe Not, dass ihnen das Wasser ‚bis an den Hals steht’ und alle Hilfe verloren scheint.

Und doch gilt Gottes Zusage voll und ganz: „Ich will dich segnen… und du sollst ein Segen sein”.

Wir als neutestamentliches Gottesvolk folgen ihren Spuren und wissen wie die alten Väter auch: „Wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige suchen wir” (Hebr 13,14).

Auch an uns lässt Gott Nöte zu.

Aber gerade die bittersten Stunden sind manchem Christen im Nachhinein die liebsten geworden: „Denn allein die Anfechtung lehrt aufs Wort merken“ (Jes 28,19).

Und das ist die zweite Adventsbitte, die wir an Gott richten wollen: Dass wir wie Abraham dem Wort Gottes gehorchen – auch wenn wir dabei in Trübsal und Not kommen, und dass sich in all dem unser Herz an Gottes zugesagte Gnade klammert und sich unser Blick auf die ewige Herrlichkeit richtet, wo Gott uns trösten wird in ewigem Glück.

In solchen Trübsalszeiten tritt die mächtige Hilfe unseres treuen Gottes besonders deutlich hervor: seine helfende Hand, sein tröstliches Evangelium, sein heilendes Wort.

So erstreckt sich der Segen Gottes viel weiter als wir es ahnen.

Fragen wir, worin der Segen besteht, den Gott seinem Knecht Abraham zukommen ließ, so dürfen wir nicht allein an das fruchtbare Kanaan denken oder an den Kindersegen.

Vielmehr sollen wir weiter blicken, dass Gott ihm zusagte, aus seinem Geschlecht sollte der kommen, auf den schon Adam und Eva sehnsüchtig hofften und in dessen Kraft Abrahams Glaube der seligmachende Glaube war.

Viele Jahrhunderte nachdem Abraham gestorben war, nachdem er eingegangen war in seines HERRn Freude, erfüllte Gott in Jesus Christus die Verheißung auf wunderbare Weise: In einer der Nachkommen und Kindeskinder Abrahams, in der Jungfrau Maria, ließ er eine köstliche Frucht heranreifen.

Als Jesus zu Bethlehem geboren war, da war der „Schlangenzertreter”, der verheißene Same, der langersehnte Messias, der wahre Gott und Mensch in diese Welt getreten.

Da hatte Gott 2.000 Jahre später die Weissagung erfüllt: „Ich will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und sollst ein Segen sein… In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden”.

Gott hat dem Abram tatsächlich einen großen Namen gemacht, indem nämlich aus dem Geschlecht Abrahams unser Heiland entsprossen ist, von dem es heißt: „… dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind… (Phil. 2,10) … wer den Namen des HERRn wird anrufen, soll selig werden” (Röm. 10,13).

So steht nun Abrahams Nachkomme, der HERR Christus, im Wort der Heiligen Schrift vor uns und spricht: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe denn Abraham ward, bin ich… Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich” (Joh. 8,58.51).

Auch der Vater Abraham war allein durch die Gnade Gottes in Jesus Christus „Gott recht”, „gerecht vor Gott”, denn die Schrift spricht: „Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet” (Röm. 4,3).

Das ist der geistliche Segen, den Abraham selbst genießen durfte und alle Gläubigen vor und nach ihm.

Dieser Segen erstreckt sich auf alle „Kinder Abrahams”, darum fragen wir zum Schluss:

2. Wer sind die Kinder Abrahams, denen dieser Segen gilt?

Gott hatte den Abraham einmal in die dunkle Nacht hinausgeschickt und ihn gefragt: „Siehe gen Himmel und zähle die Sterne, kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: Also soll dein Same sein” (1.Mose 15,5).

Die Juden hatten geglaubt, das beträfe nur sie: Sie seien seine eigentlichen und wahren Nachkommen, weil sein Blut in ihnen fließt.

Aber ist das wahr? Wer sind die wirklichen „Kinder Abrahams”?

Gott gibt uns Antwort im Römerbrief: „Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet… (Röm. 4,4) Wie ist er ihm denn zugerechnet worden? Als er beschnitten oder als er unbeschnitten war? Ohne Zweifel: nicht als er beschnitten, sondern als er unbeschnitten war” (Röm. 4,10).

Die Frage ist hier, ob der seligmachende Glaube Abrahams schon da war, als es die Beschneidung als Zeichen des Bundes noch nicht gab, als also Abraham noch nicht beschnitten war oder erst danach.

Daran nämlich entscheidet sich, ob Abraham nur als ein Vater des Judenvolkes, „der Beschnittenen” oder auch als ein Vater der Heidenvölker „der Unbeschnittenen” gilt.

Was ist entscheidend, ob man leiblicher Nachkomme Abrahams ist, ob Abrahams Blut in einem Menschen fließt oder ob man geistlicher Nachkomme Abrahams ist, ob Abrahams Glaube im Herzen wohnt.

Gottes Antwort: „Das Zeichen der Beschneidung aber empfing er als Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, den er hatte, als er noch nicht beschnitten war. So sollte er ein Vater werden aller, die glauben, ohne beschnitten zu sein, damit auch ihnen der Glaube gerechnet werde zur Gerechtigkeit” (Röm 4,11).

Und die Juden? Gottes Antwort: „Er sollte …ebenso ein Vater der Beschnittenen werden, wenn sie nicht nur beschnitten sind, sondern auch gehen in den Fußtapfen des Glaubens, den unser Vater Abraham hatte, als er noch nicht beschnitten war” (Röm 4,12).

Wer sind die Kinder Abrahams, denen der göttliche Segen zugesagt ist? Der Apostel schreibt: „Die aus dem Glauben sind, das sind Abrahams Kinder“ (Gal. 3,7).

Hat Gott seine Verheißung nicht wunderbar erfüllt, wie er zu Abraham, unserem Vater sprach: „Ich will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und sollst ein Segen sein… In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden”?

Hat Gott seine Weissagung nicht wunderbar verwirklicht, wie er zu Abraham, unserem Vater sprach: „Siehe gen Himmel und zähle die Sterne, kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: Also soll dein Same sein”.

Das sind nicht nur die Juden, sondern alle Gläubigen aus Juden und Nichtjuden – auch wir!

Umspannt die „eine heilige christliche Kirche” nicht die ganze Welt?

Das meint Jesus, wenn er spricht: „Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen” (Matth. 8,11).

Und das soll unsere dritte und wichtigste Adventsbitte sein: Lieber Gott, lass auch mich allezeit dein Kind bleiben, dass ich in den Fußtapfen des Vaters Abrahams gehe, an meinen Heiland glaube und deine Gnade, die Vergebung der Sünden, täglich ergreife – bis du mich in die ewige Seligkeit rufst, wo ich mit Abraham und allen Gläubigen in Christus deine Herrlichkeit genieße! Amen.

Pastor Martin Blechschmidt, Runkel-Steeden