Predigt zum Tag der Reinigung Marias und der Darstellung Jesu im Tempel

Predigt zum Tag der Reinigung Marias und der Darstellung Jesu im Tempel
über
Lukas 2,25-32

Predigttext
Und da die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz. Moses kamen, brachten sie ihn gen Jerusalem, daß sie ihn darstelleten dem HERRN (wie denn geschrieben stehet in dem Gesetz des HERRN: Allerlei Männlein, das zum ersten die Mutter bricht, soll dem HERRN geheiliget heißen), und daß sie gäben das Opfer, nachdem gesagt ist im Gesetz des HERRN, ein Paar Turteltauben oder zwo junge Tauben.

Erklärung des Gedenktages

Und siehe, ein Mensch war zu Jerusalem mit Namen Simeon; und derselbe Mensch war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels; und der Heilige Geist war in ihm. Und ihm war eine Antwort worden von dem Heiligen Geist, er sollte den Tod nicht sehen, er hätte denn zuvor den Christ des HERRN gesehen. Und kam aus Anregen des Geistes in den Tempel. Und da die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, daß sie für ihn täten, wie man pfleget nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobete Gott und sprach:
HErr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volks Israel.

Unser HERR spricht: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Matth. 5,17).

Genau das tut der HERR Christus schon als kleines Kind: Er erfüllt das Gesetz, das er selbst, der wahre Mensch gewordene Gott, gegeben hat.

Und so lässt er sich am achten Tag nach seiner Geburt beschneiden und leistet mit den ersten Blutstropfen die Anzahlung für sein großes Versöhnungsopfer am Kreuz.

Wie unser Predigttext berichtet, kam Maria 33 Tage nach der Geburt Jesu zum Tempel.

Denn die Frauen galten nach dem Wort Gottes als unrein und mussten nach einer bestimmten Frist ein Opfer bringen: ein einjähriges Lamm zum Brandopfer und eine junge Taube zum Sündopfer. Arme Leute sollten zwei Turteltauben bringen.

Neben der „Reinigung Marias“ geschah gleichzeitig die „Darstellung Jesu im Tempel“, denn für die erstgeborenen Knaben in Israel hatte Gott ein besonderes Gebot gegeben, das zurückweist auf den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten.

Damals sandte der HERR Plagen über Ägypten, deren letzte der Tod aller Erstgeburt war.

Zum Andenken an die Bewahrung der Erstgeborenen Israels sollten die erstgeborenen Söhne nun dem HERRn geheiligt sein und am Tempel dienen (2.Mose 13,2).

Weil es aber in einem so großen Volk zu viele gewesen wären, erwählte der HERR zu diesem Dienst am Tempel den Stamm Levi.

Die erstgeborenen Söhne der übrigen im Volk mussten durch ein Opfer ausgelöst werden: mit fünf Sekel und die Armen, die kein Geld hatten mit einem Paar Turteltauben (4.Mose 3,40ff.)

Darum kamen Maria und Joseph mit dem Christuskind nach Jerusalem.

So hat unser HERR mit seiner Beschneidung und seiner Darstellung im Tempel (wie dann auch bei seiner Taufe) „alle Gerechtigkeit erfüllt“ und nun gilt: „Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht“ (Röm. 10,4).

In Christus und durch ihn haben die vielen Opfer- und gottesdienstlichen Vorschriften des Alten Testamentes für uns ihre bindende Kraft verloren.

Darum hat niemand das Recht, den Christen eine neue Gesetzeslast aufzulegen – wer es dennoch tut, handelt gegen Gottes Wort und Willen!

Und siehe, ein Mensch war zu Jerusalem mit Namen Simeon; und derselbe Mensch war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels; und der Heilige Geist war in ihm.”

Siehe” – so beginnt Lukas seinen Bericht, damit alle, die es hören, aufmerken!

Ein Mensch war zu Jerusalem mit Namen Simeon” – ganz einfach „Mensch“ nennt er Simeon, also ein ganz normaler Mensch, keine hochgestellte Persönlichkeit.

Er gehörte wie die Hirten und auch wie Maria und Joseph zu den Armen und Geringen im Lande, die von anderen wenig beachtet werden.

Aber vor Gott dem HERRn war der alte Simeon wert geachtet, denn er “war fromm und gottesfürchtig”.

Er lebte in allen Geboten und Satzungen des HERRN untadelig” (Luk. 1,6), wie dieses Wort an anderer Stelle näher erklärt wird.

Da war keine Heuchelei, wie wir sie bei den Pharisäern finden, sondern sein Herz stand recht zu Gott: “Er wartete auf den Trost Israels”.

Der “Trost Israels” ist der von Gott verheißene Messias, der Heiland.

Es war ja durch die Propheten verheißen, dass gerade das Trösten das eigentliche Amt des Heilandes sein werde, weil durch ihn Sünde vergeben wird.

Schon der alte Lamech nannte weissagend auf den Messias seinen Sohn “Noah”, d.h. “Tröster” und sprach: “Der wird uns trösten in unserer Mühe und Arbeit auf Erden, die der HERR verflucht hat” (1.Mose 5,29) und der Messias weissagte selbst durch den Propheten Jesaja, dass sein Amt darin bestehen werde, “zu trösten alle Traurigen” (Jes. 61,2).

Ja, Christus ist der Trost Israels, der rechte Trost aller Gläubigen, indem er sie errettet aus dem Jammer und dem Elend ihrer Sündenschuld und aus der Macht und Gewalt ihres Feindes, des Teufels und des Todes.

Auf diesen von Gott durch die Propheten verheißenen “Trost Israels” wartete Simeon.

Dieses sehnende Warten auf den Heiland war das Innerste seines Lebens: “Er lebte im Warten auf den Trost Israels”, wie es wörtlich heißt.

Simeon kannte als ein frommer Israelit die Schriften des Alten Bundes.

Aus Gottes Wort hatte er sein eigenes und das sündliche Verderben aller Menschen erkannt – aber auch den, den Gott senden würde als Befreier aus diesem Elend.

Durch Gottes Gnade hatte Simeon den Messias im Glauben ergriffen und setzte darum auf ihn und sein Kommen all seine Zuversicht in der Not seiner Sünde, für sein Leben und Sterben.

Im Messias erwartete Simeon (wie sein Lobgesang zeigt) nicht einen irdischen Befreier und König, sondern den Heiland, der auch ihn mit Gott versöhnen würde, damit er im Frieden mit Gott sterben kann.

So steht Simeon vor uns als einer aus der Schar der Gläubigen der alten Zeit, als ein Kind Gottes, bevor Christus geboren wurde.

Sie unterscheiden sich nicht von den Gläubigen des Neuen Bundes, also aus der Zeit nachdem Christus geboren ist, wie wir es sind.

Auch wir trachten danach, den HERRn nicht durch Sünden zu beleidigen und ein frommes und gottesfürchtiges Leben zu führen.

Und auch uns ist der Glaube an den Messias die Wurzel, aus der unsere Gottseligkeit hervorwächst, nämlich der Glaube an den nun erschienenen “Trost Israels”, der Glaube an die gnädige Vergebung der Sünden durch Christus, den Heiland.

Auch unser Leben ist ein beständiges Warten auf unsere endgültige Erlösung, auf die letzte Wiederkunft des HERRn.

Simeon war wie die Hirten und wie Maria und Joseph und auch die alte Prophetin Hanna, ein gläubiger Israelit.

Mitten unter dem gottlosen, abgefallenen Volk jener Zeit hatte Gott sich durch sein Wort einen heiligen Samen erhalten, ein kleines unbekanntes Häuflein von Menschen, die sich im Glauben an den Heiland hielten und sich an ihm aufrichteten – meistens arme und geringe Leute.

So erhält der HERR allezeit seine Kirche auch in gottlosen Zeiten!

Auch wenn es zuweilen scheint, als sei seine Kirche untergegangen, als sei keiner mehr übrig, der seine Knie nicht gebeugt hat vor Baal, so erhält sie doch unser Gott.

Von Simeon wird nun gesagt: “Und der Heilige Geist war in ihm” – und zwar in besonderer Weise, denn wie wir aus seinem Lobgesang hören, hatte Gott ihn zum Propheten und Verkündiger in Jerusalem ausersehen.

Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem Heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen.“

Simeon war durch göttliche Eingebung besonders belehrt und ermahnt worden, hatte eine ganz besondere Offenbarung erhalten, dass er nicht sterben sollte, bevor er den verheißenen Messias gesehen habe.

Und kam aus Anregen des Geistes in den Tempel.”

An jenem Tage also, an dem Maria und Joseph mit dem Christuskind nach Jerusalem kamen, um Jesus als Erstgeborenen dem HERRn darzustellen und um die vorgeschriebenen Reinigungsopfer zu bringen, kam auch Simeon in den Tempel.

Er kam “aus Anregen des Geistes”, es war nicht seine übliche Zeit, er hatte es nicht vor, in den Tempel zu gehen, sondern wurde dazu getrieben.

Der Heilige Geist hatte ihn innerlich gewiss gemacht, dass jetzt die ersehnte Stunde da sei, in der er den Heiland der Welt, den “Trost Israels” im Tempel sehen werde.

Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: …“

Simeon erkannte durch die Wirkung des Heiligen Geistes in dem Kindlein, das da bei Maria und Joseph war, den so sehnlich erwarteten und erhofften Messias.

Er stieß sich nicht an der Armut der Leute, die nur ein Paar Turteltauben zum Opfer bringen konnten, sondern nahm ihn sogleich mit Freuden in die Arme und wusste: dies ist der Heiland und Erlöser, auf den die Väter hofften, an den auch Abraham, Isaak und Jakob glaubten und an dem Hiob sich tröstete.

Er folgte nicht den Gedanken seiner Vernunft, sondern der Offenbarung des Geistes, dem Wort Gottes, das er empfangen hatte.

So wurde der alte Simeon von Herzen froh und sein Herz jung, denn er hielt in seinen Armen den Schatz, den er lange ersehnt hatte.

Aber nicht allein auf seinen Armen trug Simeon den HERRn Christus: Wie all die Jahre sein Herz von Sehnsucht nach dem “Trost Israels” erfüllt war, so ergriff er ihn nun im Glauben neu als den gekommenen Heiland.

Darin gibt es zwischen Simeon und jedem anderen Christen keinen Unterschied, denn beide können singen:

Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen!

So wie Simeon den HERRn Christus auf seinen leiblichen Armen trug, so nehmen wir ihn geistlicherweise in die Arme unseres Glaubens.

So ergreifen wir im Zutrauen zu ihm ihn selbst und alle seine Wohltaten, die er für Sünder bereithält.

Wir dürfen uns nicht stoßen an seiner Armut und Niedrigkeit oder daran, dass er auch heute von der Welt nicht beachtet, ja sogar von der hohen Geistlichkeit der Kirchen verachtet wird – jedenfalls als Heiland der Sünder.

Simeon “lobte Gott und sprach: HERR, nun lässt du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen”.

Wörtlich übersetzt heißt es: “Nun entlässt du deinen Diener, Hausvater, deinem Wort gemäß in Frieden”.

Nun” ist die Zeit gekommen, denn dein Versprechen an mich ist erfüllt.

Er nennt Gott “Hausvater” und sich selbst seinen “Diener”.

Nun am Ende seines Lebens sehnt er sich, die Worte von Gott zu hören der wie ein Hausvater spricht: “Ei, du frommer und getreuer Knecht. Gehe ein zu deines Herrn Freude!” (Matth. 25,21).

Simeon ist ganz zuversichtlich und seiner ewigen Seligkeit gewiß und sieht seinem irdischen Ende getrost entgegen, wie er spricht: “denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen”.

Auch Simeon ist ein Sünder gewesen und spricht dennoch: “Jetzt kann ich in Frieden sterben”.

Aber wie passt das zusammen, sich als Sünder vor Gott erkennen und gleichzeitig von Frieden sprechen?

Gottes Wort bezeugt doch an vielen Stellen, wie doch der Mensch gar nichts tun kann, um sich selbst mit Gott zu versöhnen.

Simeon antwortet: “denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen”.

Meine Augen haben dein Heil, deinen Heiland, haben den gesehen, der Sünder zum Frieden bringt, der Schuldige mit Gott versöhnt”

Das ist der Grund, auf dem Simeons Heilsgewissheit ruht, dass er, obwohl er vor Gott schuldig ist, in seinem Herzen und Gewissen Frieden haben darf.

Alle seine Sünde, seine Untreue hat der Heiland gebüßt und hat ihm den Himmel, die ewige Heimat aufgeschlossen.

Diese Worte haben dem alten Simeon schon viele viele Kinder Gottes im Glauben nachgebetet, wenn sie ihre letzte Stunde nahe fühlten.

Denn so wie der alte Simeon kann und darf jeder Christ im Angesicht des Todes sprechen, denn nicht allein für Abraham, Isaak, Jakob, Hiob, Maria, Joseph und Simeon ist das Christuskind der Seligmacher und Heiland.

Simeon spricht weissagend: “Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volks Israel”.

Als wollte Simeon sagen: Für mich sündigen Menschen ist auch Rat und Hilfe von Gott gekommen, aber nicht allein für mich. Denn der gnädige Gott hat sein Heil vor allen Völkern bereitet.

Jesus ist ein “Licht zu erleuchten die Heiden”.

Denn so hat der HERR Christus uns Christen befohlen, das Evangelium “allen Völkern” zu predigen (Matth. 28; Mark. 16).

Das Licht der Gnade Gottes im Glauben an Christus soll bis “an der Welt Ende” getragen werden – bis in den letzten Winkel und bis an den letzten Tag dieser Welt.

Aber für das alte Volk des Bundes, Israel, ist Christus Ehre und Preis.

Sie suchten ihre Ehre in weltlicher Pracht und sehnten sich nach dem mächtigen Glanz des Königreiches unter David.

Simeon bekennt, dass der wahre Vorzug, die herrlichste Ehre für Israel war, dass der Heiland der Welt aus diesem Volk geboren wurde.

So ist Jesus “ein Licht, zu erleuchten die Heiden” und “Preis” des alten “Volks Israel”.

So also zeigt uns Gottes Wort am alten Simeon, wie ein Christ lebt und wie er getrost sterben kann.

Alle Zuversicht und aller Trost ruht in Christus, dem “Trost Israels”, dem Heil Gottes.

Hier erweist der Allmächtige: “Gott will, dass allen Menschen geholfen werde, und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen” (1.Tim. 2,4).

Wenn nun Gott will, dass uns geholfen wird, wer sollte sich noch fürchten müssen vor dem Allmächtigen und vor dem Jüngsten Gericht?

Wer will sich vor solch einem gnädigen Gott scheuen, der gern will, dass es uns in der Ewigkeit gut geht und selbst alles geordnet und bereitet hat, was dazu nötig ist?

Gott gebe, dass ein jeder unter uns in seinem Leben und vor allem im Sterben sprechen kann: “HERR, nun lässt du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen”. Amen.

Pastor Martin Blechschmidt, Runkel-Steeden